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Darf ich vorstellen: Juli

März 12, 2013

Das laute Klopfen an der Tür ließ sie hochschrecken. „Juli! Ich bin spät dran! Komm da endlich raus!“ Oh. Sie saß wohl schon länger in der Badewanne als sie bemerkt hatte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass das Wasser schon fast kalt war und sich die fluffigen Blasen des Schaums längst in Luft aufgelöst hatten. Sofort bekam sie am ganzen Körper Gänsehaut. „Jaaa! Meine Güte.. ich bin gleich weg. Reg dich ab!“ Sie hörte ein kurzes Knurren und grantiges Gemurmel, bevor ihr Mitbewohner klappernd in die Küche zurückstampfte. Er hatte wie immer diese fürchterlichen Badelatschen an. Schon tausendmal hatte sie ihm gesagt, dass er sich andere Hausschuhe besorgen soll, die ihn nicht aussehen lassen wie einen dieser Hartz-IV-Typen aus dem Nachmittagsfernsehen von RTL. Sie sprang aus der Wanne und betrachtete kurz ihre tief verschrumpelten Finger. Wie viel Zeit war wohl vergangen? Gerade war das Badewasser doch noch kochend heiß gewesen – zumindest hatte es sich so angefühlt. Juli mochte es, wenn das Wasser sie umhüllte und sie durch die Hitze und die Dämpfe ihres Lavendelbadeöls ein bisschen benommen wurde. Schnell knotete sie sich einen Handtuchturban und schlich mit ihrer Kleidung, die sie zuvor achtlos auf den Boden geworfen hatte, in ihr kleines Zimmer zurück. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass nicht nur Sebi, sondern auch sie schon viel zu spät dran war. Verdammt. Hanna war ohnehin nicht gut auf sie zu sprechen, seit sie ihr erzählt hatte, dass aus dem Deutschland-Trip nichts werden würde. Heute wird sie sich wohl rechtfertigen müssen. Bei dem Gedanken daran spürte Juli einen leichten Knoten in der Magengegend. Aber es ist nun mal ihr Geld und sie konnte damit machen, was sie wollte. Punkt. Sie föhnte sich im Eiltempo die Haare und legte ihren roten Lippenstift auf. Nachdem sie in ihre Lieblingsjeans geschlüpft war, entschied sie sich für das schwarze Shirt mit dem Aufdruck von wild durcheinander gewürfelten Wörtern, die den Songtext eines ihrer Lieblingslieder ergaben, wenn man sie richtig las. Nach einem kurzen Blick in den Spiegel musste sie grinsen. Sie hatte dieses Schneewittchen-Aussehen von ihrer Mutter geerbt und mochte das schon immer sehr. Ihre sehr helle Haut und die knallroten Lippen bildeten einen wunderbaren Kontrast zu ihren langen, schwarzen Haaren, die wild zerzaust über ihre Schultern fielen. Juli hielt nicht viel davon, ihre Naturwellen ewig in Form zu föhnen. Dieser chaotische Undone-Look stieß zwar nicht bei allen ihrer Bekanntschaften auf Begeisterung, aber das war ihr egal. Sie schnappte sich Schal und Jacke und stürmte aus der Wohnung, ohne Sebi in der Küche zu beachten, der gerade an seinem Kaffee nippte.

Hanna saß bereits seit zwanzig Minuten an ihrem Stammplatz in der Ecke, den die Freundinnen „Stalkerparadies“ nannten, als Juli außer Atem und noch zerzauster als zuvor die Kaffeehaustür aufriss. Hanna hörte augenblicklich damit auf, ihre Fingerkuppen nervös auf die Oberfläche des alten Holztischchens zu trommeln und funkelte sie böse an. Juli hasste Auseinandersetzungen mit ihrer besten Freundin und hatte bei dem Anblick der zusammengezogenen Augenbrauen den sofortigen Drang sich umzudrehen und wieder zu verschwinden. Sie strich sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht und machte sich mit leicht weichen Knien auf den Weg zu dem Platz, an dem sie schon viele unbeschwerte Kaffeehausstunden verbracht hatte. Solche würden es diesmal sicher nicht werden.

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