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Duschgedanken.

August 24, 2013

Ihre Backen glühen rot als sie an den Armaturen schraubt, bis ihr das kalte Wasser erlösend über ihre vom Schweiß verklebten Haare läuft. Ihr Herz schlägt noch etwas schneller als normalerweise. Ihr ist heiß, doch sie spürt, wie sich die Haare an ihren Armen augenblicklich aufstellen und das kribbelnde Gefühl einer Gänsehaut über ihren ganzen Körper läuft. Als sie davon erfuhr, wurde ihr nicht schlecht. Ihr wurde gesagt, dass sie weiß im Gesicht war und sich doch hinsetzen sollte. Aber nein, ihren Kreislauf spürte sie nicht. Nichts Außergewöhnliches. Nicht mal Entsetzen. Einfach nur Überraschung. Und Leere. Die Bestürzung kam erst später.

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Ihr war nicht zum Weinen zumute. Sie hatte sie doch ohnehin nicht so richtig gekannt. Bis auf diesen einen Sommer. Und jetzt war sie tot. Es war schon Jahre her, dass man gemeinsam Zeit verbrachte. Sich toll verstand. Und diese eine Nacht, als sie ein bisschen zu viel getrunken hatten und am nächsten Tag wieder arbeiten mussten. Sie muss lächeln als sie daran denkt. Sie kann sich noch genau erinnern. Oder der Nachmittag, an dem sie stundenlang in ihrem Garten saßen und redeten. Wie alte, vertraute Freundinnen, aber trotzdem gerade erst kennengelernt. Manchmal passt es einfach. Nach diesem Sommer trennten sich ihre Wege wieder. Die eine da, die andere dort. Wie man das so kennt. Lange in der jugendlichen Erinnerungskiste verkramt, werden diese Momente jetzt wieder hervorgestöbert und liebevoll abgestaubt. Die letzten Tage hat sie oft diese Bilder im Kopf. Von ihr und ihrem hübschen Lächeln. Und dann kommt Wut in ihr auf. Wie kann nur.. ? – Unverständlich. Unbegreiflich. Undurchschaubar, dieser Tod. Es erscheint ihr manchmal ein wenig lächerlich in ihrem Alter ans Sterben zu denken, doch ab und zu schleichen sich solche Gedanken ein. Vermutlich gewöhnlich – bei wem nicht. Sie kann sich nie entscheiden, ob er ihr fern oder doch erschreckend nah vorkommen soll. Während das Wasser weiter auf sie herunterplätschert, schaut sie ihren Fingerkuppen dabei zu, wie sie langsam schrumpelig werden. Langsam fährt sie sich mit ihren Fingern über ihre Wangen. Es ist schon wieder über eine Woche her und sie hat bis jetzt nicht geweint. Sie versteht das irgendwie nicht. Sonst weint sie doch sogar bei kitschigen Szenen im Fernsehen oder sentimentalen Geburtstagsansprachen. Zumindest so ein bisschen. Aber hier kreisen nur die Gedanken. Vorfälle wie dieser machen ihr jedes Mal mit einer erbarmungslosen Wucht klar, wie schnell alles vorbei sein kann. Wie grausam Schicksal sein kann. Jeden Tag unzählige Male, aber wirklich berühren tut es sie doch nur in den seltensten Fällen. Diesmal berührt es sie. Sehr. Ein wunderbarer Mensch weniger auf dieser Welt. Und viele verzweifelte, traurige mehr. Diese Sommererinnerungen mit ihr wird sie nicht vergessen. Bestimmt nicht. Sie wäscht sich die Reste ihres Shampoos aus ihren Haaren, dreht das Wasser ab und steigt aus der Dusche.

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