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Samstag Abend – anders.

Januar 20, 2014

(Viel zu spät. Aber trotzdem noch. Ist ja eh noch Jänner…)

Jetzt sitze ich hier. Trinke fragwürdigen Kaffee in einem noch fragwürdigeren Lokal und kritzle ein paar Zeilen in meinen kleinen Kalender. Die Stammtischrunde gegenüber beachtet mich mittlerweile nicht mehr. Es war doch nur wenige Minuten interessant, wer das blonde Mädchen ist und was sie hier wohl macht, wo sie doch so gar nicht hier hereinpasst. Ich bin am Weg nach Hause. In wenigen Tagen ist Weihnachten und ich freue mich auf Familienfeste, selbstgebackene Kekse und den Duft dieser kleinen Räucherkegel, die meine Mama so gerne anzündet. Und jetzt sitze ich hier.

DSC_0066Traurig, dass dieses Fest im Dezember für so viele nichts mit Gemütlichkeit und Freude zu tun hat sondern eher Depressionen auslöst. Depressionen, die unglückliche Seelen sogar dazu bewegen, nicht nur dem Weihnachtswahnsinn, sondern gleich dem ganzen Leben entfliehen zu wollen. Und das auf den Schienen der ÖBB. Ich weiß nicht genau, ob es stimmt, dass sich in dieser „besinnlichen“ Zeit mehr Menschen das Leben nehmen als in den anderen Monaten. Ab und zu hört man davon. Ab und zu kann man wieder Gegenteiliges lesen. Wenn es so ist, kann ich es sogar verstehen. Irgendwie. Innerlich muss ich seufzen. Draußen ist es schon längst dunkel und ein ungemütlicher, kalter Wind weht. Glücklicherweise konnte diesmal das Vorhaben nicht in die Tat umgesetzt werden. Die Suche nach dem Suizidgefährdeten bewirkte jedoch einen 40-minütigen Zwischenstopp meines Zuges und Ärgerlichkeit bei allen Passagieren – mich eingeschlossen. Die Anschlussschmalspurbahn (ich mag es, wenn drei S aufeinandertreffen) wartet leider nicht über eine halbe Stunde auf Weihnachtsheimkehrende aus Wien. Und jetzt sitze ich hier.
Ich schaue auf und nippe an meinem Kaffee. Aus den Lautsprechern des Radios dudeln ausgelutschte Weihnachtslieder. Als Mariah Carey mir vorsingt, was sie sich zu Weihnachten wünscht, geht die Tür auf und ein weiterer Stammgast betritt das Lokal. Er nickt der Kellnerin kurz zu und setzt sich zu der Beislgesellschaft, die sich hier samstagabends wohl immer auf Bier, Zigaretten und Tratsch trifft. Im Wiener Ur-Beisl Mäuschen zu spielen und Spira-mäßig zu hören, was dort so geplaudert und erzählt wird, würde mir ja oft gefallen. Das Wiener Beisl wurde zwar durch ein etwas heruntergekommenes, steirisches Bahnhofscafé ersetzt, aber was sich darin abspielt, ist wohl dasselbe in grün. In verschiedenen Dialekten. Zu meiner Enttäuschung sind die Gespräche am Stammtisch weniger aufregend als gedacht. Als gewünscht. Nicht einmal höre ich etwas, das mich zum Schmunzeln bringt oder über das es sich zu schreiben lohnt. Geld. Polizei. Bauarbeiten. Und hier sitze ich jetzt.
Ich schaue auf die Uhr und möchte den Minutenzeiger gerne weiter nach vorne drehen. Ein bisschen noch, dann fahre ich heim. Nur noch ein bisschen. Der Dazugestoßene hat nun auch ein Bier vor sich stehen und hält seine Flasche fast behutsam mit beiden Händen. Er hat kein Wort von sich gegeben seit er sich auf dem Stuhl am Tischende niedergelassen hat. Immer wenn ich aufschaue, sehe ich im Augenwinkel, dass er mich unaufhörlich ansieht. Fast anstarrt. Sobald ich den Kopf in seine Richtung drehe, suchen seine Augen wie bei einem ertappten Jungen blitzartig ein anderes Ziel, das sie fixieren können. Nachdem ich meinen Blick wieder senke und weiterschreibe, spüre ich seine Augen wieder auf mir ruhen. Ich kann mich nicht genau entscheiden, ob ich es lustig oder doch eher unheimlich finden soll. Ist es mein Aussehen, das ihn so fasziniert oder mehr die Tatsache, dass hier an einem Samstag Abend ein fremdes Mädchen völlig alleine sitzt und Kaffee trinkt? Vermutlich eine Mischung aus beidem. Und hier sitze ich jetzt.
Während ich mir die kitschigen Girlanden und die bunten Kugeln, die über der Bar hängen, genauer anschaue, springt die digitale Anzeige meines Handys auf die erlösende Uhrzeit und mein Alarmton erfüllt für einige Sekunden den Raum. Als ob hier der Wecker nötig gewesen wäre. Als ob ich hier die Zeit übersehen könnte. Die Melodie bewirkt, dass das Gespräch der Stammtischrunde kurz abreißt und die Kellnerin, die auch laut mitdiskutiert hatte, wieder auf mich aufmerksam wird.  Ich drücke ihr ein paar Euro in die Hand, schnappe mir meine Tasche und gehe durch die Tür in eine kalte Winternacht. Und lasse Selbstmord, Beislgesellschaften und unheimliche, alte Männer weit hinter mir.

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