Alltag | Begegnungen | Lebenszirkus | Sommer | Unterwegs | Wien

Unter Trompetenbäumen

Juli 23, 2014

trompetenb2Meine Augen blicken durch die getönte Sonnenbrille, die meine gesamte Umgebung in ein schönes Sepia färbt und mir das Gefühl gibt, die ganze Welt durch einen Instagram-Filter zu betrachten. Sie bewegen sich wieder und wieder von links nach rechts, um die gedruckten Wörter auf den Buchseiten zu verschlingen. Meine Arme werden langsam schwer, da sie die Sommerlektüre nun schon ganze drei Kapitel nach oben gegen die Sonne halten müssen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mich das gestutzte Gras oder eine Ameise am Fuß kitzelt, als ein kleines braunes Etwas knapp an mir vorbeiflitzt. Das Mädel hinter mir reagiert auf mein leicht erschrockenes Zucken und ruft ihren Vierbeiner wieder zu sich. Er heißt „Lebkuchen“. Augenblicklich habe ich einen Zimtduft in der Nase und sehe glitzernde Weihnachtslichter vor meinem inneren Auge. Lebkuchen wird ein paar Meter weiter aufgefordert sich hinzusetzen und anschließend unter Lobhudeleien mit Leckerlis gefüttert. Ich lasse das Buch sinken, lege es neben mich auf mein gelbes Badetuch und schließe die Augen. Vom Wasser her höre ich das Lachen und Gequiecke zweier Kinder, die sich gegenseitig nass spritzen. Die fragwürdige Musikauswahl einer jugendlichen Gruppe dringt aus den mitgebrachten Boxen zu mir herüber während sich die Studentinnen neben mir über eine Bekannte von ihnen auslassen, die sich nach zwei verpatzten Medizin-Aufnahmeprüfungen dazu entschlossen hat, dass das Medizin-Studium in Österreich ohnehin nichts kann. Die Wolke, die sich kurzzeitig vor die Sonne geschoben hatte, wandert langsam weiter und gibt die warmen Strahlen wieder frei. Ich spüre die wohlige Wärme auf meiner Haut, fühle mich gut, blicke nach oben und sehe die im Wind wippenden Blätter von Trompetenbäumen.

Mein Kopf liegt leicht erhöht auf dem Bauch meiner Begleitung, meine Beine spüren die flauschig-weiche Picknickdecke, die unter uns liegt. Ich lasse meinen Blick über die Wiese schweifen. Rund um uns sitzen kleine Gruppen zusammen, einzelne Menschen liegen im Gras. Ein Typ geht von Gruppe zu Gruppe und versucht Zigaretten zu schnorren – recht erfolglos. Hinter uns auf der Prater Hauptallee startet ein klischeehaft aussehender Biker mit Lederjacke seine Harley und braust davon. In Sichtweite gibt der letzte Live-Act der Vienna Harley Days auf der Bühne spanische Musikstücke zum Besten und einige wenige sind auch am Ende des Wochenendes noch fit und motiviert genug die Arme in die Luft zu schmeißen und mitzutanzen. Die Finger meiner linken Hand spielen mit dem Kreuz meiner Kette während die der rechten im Rhythmus des Liedes gegen die Radlerdose in meiner Hand trommeln. Der Himmel hat sein helles blau mittlerweile gegen ein trübes weiß eingetauscht. Es ist schwül und drückend und ich habe das Gefühl, dass es heute noch regnen könnte. Ich hoffe auf ein kräftiges Sommergewitter. Die Bandmitglieder verneigen sich nach der letzten Zugabe vor ihrem Publikum. Nicht weit davon entfernt räumen Standbetreiber ihre Kleidung und Accessoires, die sie die letzten Tage über angeboten haben, in ihre Kisten zurück und verstauen sie in einem weißen Van. Neben uns wird gierig an gegrillten Maiskolben geknabbert und mein Bauch meldet sich mit einem leisen Knurren. Ich spüre, wie man mir durchs Haar streicht, fühle mich gut, blicke nach oben und sehe die im Wind wippenden Blätter von Trompetenbäumen.

Kommentar verfassen

Folge mir

Folge mir per email

%d Bloggern gefällt das: