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Besichtigungssorten

September 11, 2014

Letzte Woche haben wir uns zu zweit ins Auto gesetzt und sind nach Niederösterreich gedüst, um uns ein Stückchen Österreichische Geschichte anzuschauen: das Atomkraftwerk in Zwentendorf, das fix fertig gebaut wurde, aber nie in Betrieb ging.
akw1Die paar Stunden, die ich mit ca. 15 fremden Menschen verbringen durfte, haben mir wieder einmal das Gefühl gegeben, dass bei der Anmeldung für Besichtigungen ein Formular über Alter, Charaktereigenschaften und Lebensumstände ausgefüllt werden musste und man nur akzeptiert wurde, wenn man ganz klischeehaft in ein Schema passt. Denn bei Führungen – egal durch welches Gebäude, welche Ausstellungen oder Städte sie führen mögen – können immer dieselben Typen Mensch beobachtet werden.
Beginnen wir bei der älteren Dame, die absolut nichts kapiert und ständig Dinge fragt, die schon längst erklärt wurden. Passend dazu gehört natürlich der ältere Herr mit der Männerhandtasche, der nicht anders kann als extrem detaillierte, vertiefende Fragen zu stellen, die auch die peinlich berührte Führerin nicht beantworten kann, um danach eine Grundsatzdebatte über (in diesem Fall) Atomstrom zu beginnen. Irgendwo abseits der Gruppe schauen sich die zwei bis drei Personen um, die gar nicht die Sprache der führenden Person sprechen und ohnehin nur da sind, um ein paar Fotos zu knipsen. Apropos Fotos.. da gibt es immer diesen Typ mit der Spiegelreflexkamera, der jeden einzelnen Winkel und jede einzelne Schraube fotografiert, um am nächsten Tag möglichst stylische und effekthaschende Fotos auf seine Facebookseite stellen zu können. Vermutlich sitzt er nach dem Upload stundenlang vor seinem Computer und wartet auf Likes. Teil der Truppe ist außerdem noch das turtelnde Pärchen, das händchenhaltend herumschlendert, sich ununterbrochen verliebte Blicke zuwirft und dazwischen ab und zu leise kichert. Wer auch noch gewaltig nervt, ist der obligatorische Familienvater, der während der Besichtigung mindestens zehn schlechte Witze reißt und seinen zwei Kindern lautstark Anekdoten „von damals“ erzählt, die keiner hören will. Ja Papi, mag schon sein, dass sich deine Sprösslinge die überaus aufregenden Geschichten von früher wohl oder übel reinziehen müssen, aber bitte verschone mich damit. Ach jetzt hätte ich beinahe die angenehmen Artgenossen vergessen, die mit dem ich-stell-mich-immer-ganz-vorne-so-dämlich-hin-dass-alle-anderen-nichts-mehr-sehen-Gen auf die Welt gekommen sind. Die mag ich nämlich besonders. Dann gibt es noch diejenigen, die immer alles antatschen, obwohl ausdrücklich auf einem Schild zu lesen ist, dass man nichts angreifen darf und diejenigen, die schon ganz am Anfang genervt schauen und eigentlich eh überhaupt kein Interesse an dem Rundgang haben – warum sind die denn überhaupt da? Ein Mysterium. Zu meinen absoluten Lieblingen zählt der Besserwisser, der bei jeder Gelegenheit kräftig klugscheißt – toll, mein Lieber! Im Anschluss kriegst du ein Leckerli.
Sollte ich jemanden vergessen haben, darf man mir das liebend gerne mitteilen.
akw2Blöd nur, dass ich selbst meiner Theorie nach auch irgendeine nervige Rolle erfüllen müsste. (Bitte nicht!) Ich rede mir einfach ein, dass die Organisatoren auch immer ein paar Normalos mitnehmen, um die Gruppe zumindest ein bisschen erträglicher zu machen…

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