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Die Sache mit den Umarmungen

Dezember 18, 2014

Dating-Apps wie Tinder, Grindr oder Okcupid schwimmen hierzulande ja schon länger auf der Erfolgswelle – seit Kurzem plantscht eine neue App mit, die sich der platonischen Liebe verpflichtet und dabei dicke Umarmungen austeilt: Cuddlr. Die Entwickler der Kuschel-App finden, dass unsere Kultur keinen richtigen Platz für Nähe ohne sexuellen Druck hat und möchte das ändern. Dabei geht es nicht um Geschlecht, Attraktivität oder gemeinsame Interessen. Man trifft sich nur, um sich zu umarmen – ohne irgendwelche Hintergedanken oder Dating-Absichten.

So funktioniert die App:
Cuddlr zeigt Menschen an, die in der näheren Umgebung sind. Dabei erscheinen nur Vornamen und Fotos, aufgrund derer ein potenzieller Kuschelpartner ausgesucht werden kann. Sobald die Anfrage verschickt wurde, hat die andere Person 15 Minuten Zeit dem Umarmungs-Treffen zuzustimmen. Wenn akzeptiert wurde, können sich die zwei Nutzer ausmachen, wo sie sich treffen möchten. Die Umarmungen können wirklich überall stattfinden, etwa im Büro, im Supermarkt vor dem Kühlregal oder auch in der eigenen Wohnung. (Nach dem Knuddeln können natürlich gerne Telefonnummern ausgetauscht werden, falls man sich sympathisch war.)

So, und jetzt mein Senf dazu:
Irgendwie finde ich die Idee ja ganz witzig und neben dem ganzen Dating-Mist erfrischend süß, aber dennoch kommt sie bei weitem nicht an den Charme einer spontanen Umarmung mit einem lächelnden „Free Hugs“-Schild-Halter mitten auf der Einkaufsstraße heran. Irgendwie finde ich die Idee sogar eher traurig, wenn ich länger darüber nachdenke. Ja, Umarmungen sind wichtig. Umarmungen tun gut. Aufrichtig gedrückt zu werden ist Futter für die Seele. Nichtsdestotrotz bekommen meist selbst enge Freunde nur ein flüchtiges Küsschen auf die Wange gehaucht und nicht selten höre ich, dass auch in der Familie ein inniges Drücken eher rar ist. Nicht überraschend also, dass (besonders für Singles) Umarmungsbedarf besteht. Aber wenn sich scheinbar so viele nach diesem kleinen Moment der Nähe sehnen, warum tun wir es nicht einfach viel öfter mit den Leuten in unserem sozialen Umfeld? Da ich mich weder im Freundeskreis noch in der Familie über mangelnde Ans-Herz-Drückereien beschweren kann und mich das definitiv ein Stück weit zu einem glücklicheren Menschen macht, fordere ich hiermit dazu auf, das Bussi links Bussi rechts für den guten Freund/die nette Arbeitskollegin/den Opa/die Großtante das nächste Mal durch eine feste, mindestens fünf Sekunden anhaltende Umarmung auszutauschen! (Passt auch perfekt zur Weihnachtszeit!)

Wer tatsächlich nur von Ungustln umgeben ist, die man gar nicht drücken will (und auch alle, die es nicht sind), dürfen die App bei Lust und Laune gerne ausprobieren. Sie ist im App Store gratis zu haben – alle ohne Iphone müssen sich noch ein bisschen gedulden, aber die Android-Version ist im Entstehen. Berichte über das platonische Gedrücke mit Fremden vor der Wurstbudl beim Billa (oder sonst wo) möchte ich bitte unbedingt zugeschickt bekommen!

schmusen

  1. was es alles gibt… die idee ist süß aber ich sehe deinen einwand durchaus deutlich. die idee, bussilinksbussirechts gegen umarmung auszutauschen gefällt mir. habe cih heute erst mit einer freundin ausprobiert – tut gut! prädikat: wertvoll!

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