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Die Sache mit dem Dezember

Januar 7, 2015

„Ich bin schon wieder dabei mein Herz zu verlieren.“ singt der Herr Urlaub auf seiner neuesten Platte – und ich kann ihn mehr als gut verstehen. Also, nicht nur akustisch. Allerdings verliere ich nicht wie er ständig mein Herz an Frauen (und bei den Männern bin ich auch weit davon entfernt) sondern an gewisse Jahresabschnittspartner, auch Monate genannt. Vor gar nicht so langer Zeit habe ich mich manchmal sagen hören, dass ich am liebsten irgendwo wohnen würde, wo ständig Sommer ist. Immer warm. Immer Sonne. Mittlerweile kann ich sagen: Bullshit. Mein Inneres lechzt geradezu nach einem ständigen Wechsel der Landschaftserscheinung und Temperatur. Aber es braucht immer ein bisschen, bis wir wieder Freunde werden. Anfangs bin ich immer etwas skeptisch und frage mich, ob es denn schon wieder so weit sein muss. „Was? Schon wieder Herbst? Kann das nicht noch warten?“. Eine Woche später schlendere ich durchs knirschende Laub und schwupps: Herz verloren. Hoffnungslos. Oktober, du hast mich. Nur kurze Zeit danach trällert der neue Band Aid-Song durch Kaufhaus-Lautsprecher und ich verdrehe die Augen so weit, dass ich fast schon in mich selbst blicken kann, bis – ja, ihr habt es schon geahnt – mein Selbst dick eingepackt in Schal und Haube in aufgeregter Weihnachtsstimmung lautstark mitsingt. Do they know it’s christmas time at aaaall?!

Dieses Jahr war ich aus irgendeinem Grund besonders verliebt in den Herrn Dezember. Man mag es kaum glauben, aber ich habe mich tatsächlich voller Motivation einige Stunden in die Küche gestellt und zwei verschiedene Kekssorten gebacken – eine davon war sogar so vorzeigbar, dass ich sie in Dosen geschlichtet, behutsam in den Koffer gepackt und der Familie vorgesetzt habe. Nach fünf Jahren in unserer Wohnung durfte ich bemerken, dass ich scheinbar noch absolut nie ein Nudelholz und Kekserlausstecher benötigt habe. (Glücklicherweise finden sich in jedem Studentenhaushalt leere Weinflaschen und Messer.) Ziemlich frech ist nur, wenn man das hart erarbeitete Endprodukt per Whatsapp-Foto dem Besten schickt und der fragt, ob die Sorte „Lieblos in Schokolade getunkte Kekse“ heißt – PAH. So fühlt sich also eine Hausfrau, die den ganzen Tag hinterm Herd steht und dann nicht gelobt wird. Als Strafe habe ich ihm dann beim nächsten Besuch auch keine mitgenommen. Nur zur Info: Sie waren KÖSTLICH. Ha.
Eine sagenhafte Frechheit ist außerdem, dass in das nicht gerade billige Fleisch des gelb-roten Supermarktes eines gewissen REWE-Konzerns Unmengen an Wasser gespritzt wird, damit die Fleischstücke schwerer sind. Da komme ich normalerweise eh nur einmal pro Jahr zu meinem geliebten Fondue und das wurde durch regelrechte Explosionen am Tisch mehr zum Desaster und weniger zum Vergnügen. Kleiner Tipp am Rande: Wer nicht Hipster genug ist und nicht schon längst auf den Vegetarisch-Vegan-Zug aufgesprungen ist, sollte Fleisch wirklich nur mehr beim Metzger seines Vertrauens kaufen. Erspart Ärger und viele Fettflecken auf schönen Hemden und mit Stoff überzogenen Bänken.

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Das war’s jetzt aber auch mit den Frechheiten, ich habe auch genug schöne Momente vorzuweisen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir das nur einbilde, aber der Dezember hatte heuer besonders viele atemberaubende Abendrot-Lichtspielereien für uns, oder? Und ich habe jede einzelne davon genossen. (Das Foto ist übrigens in enormer Panik entstanden – teilt irgendwer meine irrational große Angst, das Handy fallen zu lassen, wenn man es für das gewünschte Bild über ein Geländer/aus dem Fenster strecken muss?). Die orange-lila Wolken mussten nach dem verträumten Anstarren im Anschluss ab und zu mit orange-roten Heißgetränken begossen werden. Diese Adventszeit hat mich neben Karlsplatz, Campus & Co zum allerersten Mal endlich auch zu den kleineren, innerstädtischen Christkindlmärkten geführt (Freyung, Am Hof, Stephansplatz). Und oha, war ich überrascht, wie anders das Publikum dort teilweise ist. Mir erschließt sich zwar nicht ganz, warum genau im Ersten weniger Touristen zu finden sind, aber es ist mehr als amüsant, wenn sich die Damen und Herren der Wiener Gesellschaft mit ihren Glühweintassen in der Hand durch die Menge vorm Standl bahnen und alle paar Sekunden ein „Gestatten?“ oder „Erlauben?“ von sich geben. Das sind dann sicher auch jene, die sich die Drei-Meter-Bäume in die Altbauwohnung stellen – am Graben werden nämlich gar keine kleineren verkauft, wie ich feststellen konnte. Ob sich diese Leute wohl auch Personal für das Christbaumschmücken ins Haus holen? Ich kann und will mir gar nicht vorstellen, wie lange man auf so eine riesige Tanne glitzerndes Zeugs hinaufhängen muss, bis sie endlich wie ein gut gefüllter, schöner Weihnachtsbaum ausschaut.

Da das ganze Weihnachtstheater mit dem gestrigen Tag offiziell zu Ende gegangen ist und alle meine Dezembererlebnisse in ausschweifender, detailgetreuer Form doch etwas zu viel des Guten sind, schließe ich mit einem wirren Querschnitt:
Es kann ganz interessant sein, zuzuschauen, wie ein großer Haufen Touristen beim Après-Ski mit obligatorischer Schlagerbeschallung immer betrunkener wird. * Wenn deine Mama vor Weihnachten sagt, dass sie dir das gewünschte Geschenk nicht mehr besorgen konnte, flunkert sie – Überraschung! * Spielt eigentlich noch irgendwer Siedler von Catan und/oder Rummikub? Ja, wir! Und obwohl ich zu glauben meine, dass ich bei Gesellschaftsspielen normalerweise nicht die große Favoritin bin, habe ich sie FERTIG GEMACHT! (Ja, wir drei wissen, dass ich ziemlich übertreibe, aber lasst mir doch die Freude..). * Wenn man die geplanten Geschenke schon im Kopf hat und sich bewusst für einen ruhigen, angenehmen Tag zum Einkaufen entscheidet, kann das Ganze fast entspannend sein. * Absolut JEDER sollte ein Verwandlungskissen zu Hause haben. * Es ist tatsächlich möglich, die ganze Advents-/Weihnachtszeit ohne Gewichtszunahme zu überstehen. (Ich bin ja fast ein bisschen stolz auf mich). * Silvester sollte nur noch privat gefeiert werden, so großartig war es selten. *

Nachträglich noch ein wunderbares neues Jahr von mir! 🙂 2015 wird toll. Ich spür’s.

  1. ein herrlicher text und das herz verlieren an die monate kenne ich nur zu gut. nur in der ersten jahreshälfte passiert mir das wesentlich seltener als in der zweiten. call me melancholic, ich steh drauf, wenn diese endjahresstimmung in der luft liegt.
    guter tipp mit den kleinen christkindlmärkten, nach meiner grooooßen schönbrunn-enttäuschung dieses jahr werde ich das im nächsten probieren.

    und jetzt: viel glück mit deiner romanze im jänner!

    1. Vielen Dank! 🙂
      Ja, ich kann dich da voll verstehen. Ich bin zwar ein Frühling-/Sommermensch, aber die Monate am Ende des Jahres haben einfach etwas Besonderes an sich.
      Ohje! Am Christkindlmarkt in Schönbrunn war ich schon drei Jahre nicht mehr (aber eher nur, weil ich viel weiter fahren müsste als zu den ganzen anderen) – was war denn so enttäuschend? Mir hat es damals eigentlich sehr gut gefallen, wenn ich mich richtig erinnere.

      1. ich bin der totale herbstmensch, frühling mag ich auch und sommer bis 27 grad 🙂
        ich hab es immer sehr schön gefunden und war jedes jahr dort meine obligatorischen glitzerkugelfotos machen – heuer hatte auf einmal fast jeder stand fotografierverbot und auch von einem, der kein schild hatte, wurde ich unfreundlich „verjagt“ – das fand ich wirklich enttäuschend und ich denke, dass ich das nächstes jahr aussparen werde und mir was anderes suchen muss. schade drum…

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