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Februar 26, 2015

1424093425427Ich bin keine Straße in Wien öfter hinaufgegangen/hinuntergefahren als die Wiedner Hauptstraße im vierten/fünften Bezirk. Ich kenne die Gesichter der Zeitungsverkäufer vor den immer gleichen Läden, ich weiß, wo ich Antiquitäten, eine Bratpfanne, Edelsteinschmuck oder ein Bio-Jausenweckerl kaufen könnte, wenn ich wollte, und ich bemerke meist sofort, wenn ein neues Lokal eingezogen oder ein Geschäft weggezogen ist. Umso verwunderlicher ist es, dass mir erst jetzt wirklich bewusst aufgefallen ist, dass der junge Obdachlose, der die kalten Wintertage meist lesend auf dem wärmenden Lüftungsschacht vor dem Billa Ecke Paniglgasse verbrachte, schon längst nicht mehr dort herumlungert. Es beschlich mich zwar ab und zu ein leeres Gefühl beim verträumten Vorbeifahren in der Straßenbahn, als mir unterschwellig in den Sinn gekommen ist, dass dort diesen Winter niemand sitzt, aber ich habe wohl nie weiter darüber nachgedacht. Und erst jetzt erblickten meine Augen den dreisten Grund dafür: Ein Gitter, das den Lüftungsschacht absperrt und somit Sandlern die wärmende Brise verwehrt. Vor einigen Monaten sah ich noch Artikel und Fotos dieser grausamen Metallstacheln gegen Obdachlose in London und anderen Städten und war froh, dass Wien auf diese ungute Methode verzichtet. Im ersten Moment war ich also wirklich, wirklich sauer. Was soll die Scheiße? Soweit ich das beurteilen kann, ist der Junge immer nur dort gesessen, hat niemanden belästigt oder sich sonst irgendwie unangemessen verhalten. (Natürlich ist meine Wahrnehmung nur ein minimaler Ausschnitt seiner Tagesaktivität.) Meine anfängliche Empörung hat sich mittlerweile gelegt – vermutlich auch, weil ich herausgefunden habe, dass sie alles andere als up to date war. Ich bin die letzten Monate wohl blind an dem Gitter vorbeigegangen/-gefahren (oder hatte immer etwas Interessanteres im Blick), da es schon seit ca. Mai existiert und damals schon ordentlich Staub aufgewirbelt hat. Und natürlich hat Vice (wer auch sonst?) schon längst darüber geschrieben, dass beim Billa manchmal der Hausverstand aussetzt. Dort ist auch eine Stellungnahme von der gelbroten Supermarktkette zu lesen. Und böse Zungen behaupten in den Kommentaren, dass der Herr dort seine Zeit doch nicht ganz so harmlos verbracht hat. Ich habe mich trotzdem dazu entschieden, auch jetzt noch über das Thema zu schreiben. Weil Gitter und Stacheln sicher die falsche Methode sind, um dieses Problem zu lösen. Und weil ich dem jungen Mann auf diesem Wege alles Gute wünschen möchte. Hoffentlich wurde sein Leben mittlerweile in glücklichere Bahnen gelenkt – oder er hat zumindest ein anderes, ohnehin viel netteres warmes Plätzchen gefunden.

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