Alltag | Lebenszirkus

Die Sache mit den Fotografen

Februar 29, 2016

Wenn ein Pärchen ein liebes, familientaugliches Foto von sich schießen will, um dieses Bild der Familie zu einem Anlass zu schenken – sagen wir den Eltern zu Weihnachten – kann das unterschiedlich ablaufen. Drei Szenarien.
DSC_0335

Eins: Irgendwann, wenn beide halbwegs ansehnlich aussehen und einen kleinen Ausflug oder Spaziergang machen, stellen sich beide vor einen halbwegs ansehnlichen Hintergrund und drücken einem Freund/einem Fremden die Kamera in die Hand. Zwei bis fünf Versuche. Eins davon wird schon passen. Fertig.

Zwei: Irgendwann, wenn beide halbwegs ansehnlich aussehen, stellen sich beide in eine halbwegs ansehnliche Ecke der eigenen Wohnung. Damit nicht unbedingt die Arme aus dem Bild ragen, wird kein Selfie gemacht, sondern der Selbstauslöser der Kamera verwendet. Fünf bis zehn Versuche. Eins davon wird schon passen. Fertig.

Drei: Irgendwann, wenn eigentlich keiner der beiden aus dem Haus gehen wollte und deshalb beide nicht unbedingt ansehnlich aussehen, wird entschieden, dass heute endlich die Fotos gemacht werden. Während sie ihre Haare macht, sich schminkt und etwas halbwegs Ansehnliches aus dem Schrank kramt, wird das ganze Wohnzimmer zum Fotostudio umgebaut. Ganze Möbelgruppen müssen ins andere Zimmer übersiedeln oder sich zumindest in die Ecke quetschen. Große Falthintergründe werden aufgebaut und verschiedene Hintergrundfarben ausprobiert. Blitze werden aufgestellt und passend ausgerichtet. Testbilder geschossen. Lichtbedingungen überprüft und geändert. Es folgen endlich die ersten zehn Versuche. Positionswechsel. Zehn Versuche. Outfitwechsel. Zehn Versuche. Farbfolientausch. Zehn Versuche. Posenwechsel. Zehn Versuche. Posenwechsel. Zehn Versuche. Posenwechsel. Zehn Versuche. Sie mag nicht mehr. Eins davon wird schon passen. Noch lange nicht fertig. Aussuchprozess folgt. Es werden gefühlte fünfhundert Fotos durchgesehen und dabei wird festgestellt, dass die erste Einstellung, bei der man nur wenige Bilder gemacht hat, eigentlich die beste war. Da er nicht nur Fotograf, sondern bei seiner Arbeit auch noch perfektionistisch veranlagt ist, werden die besten Bilder natürlich auch noch bearbeitet und retuschiert und verschiedene Versionen angefertigt. Zwischendurch erinnert sie ihn, dass das blöde Foto nur für die Familie bestimmt ist und nicht in ein Magazin gedruckt wird. Er genervt, sie genervt. Fertig.

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