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Ich hab da was gehört.. #23

von am April 22, 2016

Zwei ca. 35-jährige Männer sitzen am späten Nachmittag auf einer Parkbank.
Der eine erzählt dem anderen:
„Zu Ostern war ich mit Rosa am Land. Weißt eh, in der Steiermark bei der Katharina. Bevor wir dann die Katharina besucht haben, sind wir kurz in einem typischen Landgasthaus eingekehrt. Die Kleine hat sich schon etwas skeptisch im Lokal umgesehen, aber nichts gesagt.
Sie dann: „Papa, kann ich ein Kombucha haben?“
Der Wirt steht daneben: „Hm? Des homma ned.“
Rosa weiter: „Hmpfs.. dann hätte ich gern einen Matcha-Eistee. Oder ein Makava.“
Der Wirt schaut mich schräg an. Ich dann „Süße, das gibt’s hier nicht. Wie wärs, wenn du einfach eine Fanta oder einen Apfelsaft nimmst?“
Sie rümpft die Nase: „Fanta?? … Ich nehm eine Cola. Light!“
Meine Güte, sie ist so ein Stadtkind. Ich glaub, ich muss öfter mal mit ihr rausfahren..“

Öhm. Ja, das glaube ich auch.

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Momentaufnahme #3

von am April 8, 2016

Ich sitze in einem Bus, der irgendwo zwischen Mürzzuschlag und Wiener Neustadt über die Semmeringer Schnellstraße brettert. Da in der Semmeringer Gegend Bauarbeiten an den Zugschienen durchgeführt werden, musste der gesamte Railjet bzw. seine Passagiere in Busse verfrachtet werden. Was mir zuerst furchtbar lästig erschien, hat im Endeffekt auf der Lästigkeitsskala von 1 bis 10 glücklicherweise nur läppische 3 Punkte abgeräumt. Bei den ÖBB arbeiten anscheinend doch ganz fähige Leute. Zumindest ab und zu.
Ich habe einen angenehmen Fensterplatz ergattert und schaue der vorbeiziehenden, sich zu einem grünbraungrauen Brei vermischenden Landschaft zu. Über ihr erstreckt sich eine blitzblaue Himmelsuppe, die alles zu umarmen scheint. Es ist nach 18 Uhr und der Himmel ist nach der Zeitumstellung am Wochenende immer noch wie direkt kopiert aus einem Werbesujet für Urlaub in Kroatien. Vor mir kuschelt ein Pärchen und unterhält sich leise kichernd auf Tschechisch (zumindest hat es sich für mich Tschechisch angehört). Sie zwirbelt eine haselnussbraune Lockensträhne um ihren Zeigefinger während er sie noch näher an sich drückt und ihr etwas ins Ohr flüstert. „Oh Baby deine braunen Löckchen sehen heute besonders bezaubernd aus!“ Oder so. Vielleicht auch „Oh Baby wer ist eigentlich für die hässlichen Sitzbezug-Designs in Bussen verantwortlich?“. Diese Muster auf den Bussitzen sehen immer so aus wie das, was ich früher im Paint produziert habe, bevor ich Spiele auf Disketten, Minesweeper und Chatrooms entdeckt habe.
Rechts neben mir findet das langweiligste Gespräch der Welt statt, das mich wieder einmal daran erinnert, warum mir belangloser Smalltalk oft so zuwider ist. Wo wohnst du denn jetzt in Wien? Im 9. In der Soundsostraße. Achso da. Ums Eck war ich mal bei einem guten Japaner.. mir fällt gerade der Name nicht ein. Aso mhm den kenne ich nicht, aber muss ich mal ausprobieren. Ja unbedingt. Ich schreibe gerade an meiner Diplomarbeit über arbeitslose Tauben am Hauptbahnhof. Mhm klingt spannend. Ich arbeite in einem Marktforschungsinstitut und versuche gerade in Gruppendiskussionen herauszufinden wie eine neue Kopfschmerzmittelkampagne so ankommt – aber pssst bitte nicht weitererzählen, ich darf dazu eigentlich noch nichts sagen. Nein nein natürlich nicht. (Dabei würde sie doch so gern – ihr gesamter Freundes- und Bekanntenkreis interessiert sich sehr dafür.) Ich stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren, schließe die Augen und lasse mich von den leicht wippenden Bewegungen des fahrenden Busses in einen dösigen Zustand schaukeln. Noch zwei Stunden bis zur innigen Umarmung meines Herzensmenschen. Ich kann es kaum erwarten.

„Ich bin ein Clown und sammle Momente.“

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Ich hab da was gehört.. #22

von am März 11, 2016

Klopapieredition:

Eine Frau am Telefon wenige Schritte vor mir:
„Daaanke fürs Klopapier austauschen, Schatz! Ich hatte heute so einen Stress und gar keine Zeit mehr dafür. Wirklich vielen Dank! Okay.. ja. Danke nochmal, Schatz! Nein nein, wollt mich nur schnell bei dir bedanken. Bis später. Bussi!“

Wenn eure „bessere Hälfte“ dermaßen wenig im Haushalt mithilft, dass eine Dankesrede nach einem Klopapiertausch angebracht ist, solltet ihr vielleicht noch einmal über die Beziehung nachdenken.

-.-

Man erzählt mir letztens:
„Die X. will kein Klopapier kaufen, weil sie das nicht mag. Sie hat das Gefühl, dass die Leute bei der Kassa dann immer so komisch schauen und sie fühlt sich dabei voll unwohl. Darum kaufen Freunde von ihr Klopapier für sie – immer gleich voll viel auf einmal. Sie hat ein kleines Klopapier-Lager in der Wohnung.“

Also wirklich. Ich kann das noch immer nicht ganz begreifen und weiß gar nicht genau, wo ich anfangen soll. Damit, dass manche Frauen scheinbar echte Probleme mit ihren Körperfunktionen haben? Damit, dass es den Leuten bei der Kassa sowas von egal ist, ob du Klopapier kaufst? Damit, dass unsere Gesellschaft leider Signale aussendet, die erwachsene Frauen dazu bringen, sich für Dinge zu schämen, die ganz normal sind? Ich bin sprachlos.

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Ich hab da was gehört.. #20

von am Dezember 2, 2015

Zwei ältere Damen sitzen vor mir in der Straßenbahn.

Dame 1: „Gestern hab ich der Hilde meine neue Skulptur gezeigt. Sie hat sie verständnislos angestarrt und gesagt ‚Ja aber Anna, was machst du denn damit??’ und ich sag zu ihr ‚Hast du denn gar nichts außergewöhnliches und extravagantes Schönes in der Wohnung?’ und sie sagt drauf ‚Nein, so was brauch ich nicht. Ich hab meine Fleckerlteppiche.’ .. Kannst dir das vorstellen?“

Dame 2: „Na also bitte das darf ja nicht wahr sein! Fleckerlteppiche! Keinen Sinn für Ästhetik, die Hilde.“

Liebe Hilde, nehmen Sies nicht persönlich. Meiner Einschätzung nach haben Sie vermutlich recht und diese Skulptur ist so ein geschmacklos-scheußliches Ding – da wären mir die Fleckerlteppiche auch lieber.

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Ich hab da was gehört.. #17

von am Juni 23, 2015

1435071263169Ein älteres (Ehe-?)Paar steigt gerade noch rechtzeitig in die Straßenbahn ein und setzt sich hin.

Sie zu ihm:
„War das nötig, dass wir jetzt wegen der 6 Minuten bei Rot über die Straße hetzen? Noch dazu neben den kleinen Kindern? Das hätte jetzt wirklich nicht sein müssen.“

Er zu ihr:
„…STÄNDIG diese Wiederholungen und Besserwissereien!! Halt einfach die Goschn!“

Es folgte Stille. Und beleidigte und böse Blicke aus dem Fenster.
Klang nach einer sehr liebevollen Beziehung. Ich war fast ein bisserl neidisch.

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Die Sache mit den Wtf-Momenten

von am März 5, 2015

10847138_10204901210842113_80395100_nWeltstädte und Wunderlichkeiten. Großstadtmenschen und Groteskes. Metropolen und Merkwürdigkeiten. (Ihr ahnt nicht, wie gerne ich noch „Absurditäten“ oder „Ominöses“ verwendet hätte, aber leider sind mir keine passenden Nomen dazu eingefallen…) Die gehören gewöhnlich zusammen – merkt man schon, oder? Mhm. Meistens reicht eine U-Bahn-Fahrt oder ein Spaziergang durch die nächsten zwei Straßen, um einen Artikel darüber schreiben oder mir an dieser Stelle ein Oh-mein-Gott-du-hast-so-recht-High-Five verpassen zu können. Und das ist auch gut so. Wtf-Momente haben durchaus spannende, amüsante Seiten. Ab und zu. Außerdem hätte ich ohne sie weit weniger Schreibstoff – ich bombardiere euch hier ja ohnehin ständig mit skurrilen Situationen aus meinem Leben. Warum jetzt aufhören? Ihr lechzt nach weiteren Kostproben, ich weiß es doch.

Wenn um drei Uhr morgens die Musik im gesamten Pub kurz abgedreht wird, damit sich eine Opernsängerin namens „Melody“ (was übrigens ihr echter Name – ich wiederhole: KEIN Künstlername! – ist) vor die betrunkene Meute stellen kann, um eine Arie zu singen, und neben mir zwei 40-Jährige australische Männer in Batman- & Robin-Kostümen (zeitlich weit abseits von Fasching und Halloween) googeln, wer für das Vorsingen in der Staatsoper zuständig ist, um diesem Herrn einen nächtlichen Besuch abzustatten, dann ist das für mich ein Wtf-Moment.

Oder wenn ich in derselben Straßenbahn wie eine Gruppe Jugendlicher beim Wiener Eistraum am Rathausplatz vorbeifahre und die vier Freunde das Schneemann-Maskottchen auf Eislaufschuhen erblicken. Wenn sie sich daraufhin über schreckliche Ferialjobs austauschen und ein Mädel raunzend erzählt, dass sie einmal einige Wochen in einer Bäckerei gearbeitet hat, dort nie was los war, sie nicht viel zu tun hatte und somit die meiste Zeit kaffeetrinkend und topfengolatschenessend verbracht hat. „Voll schlimm, ich hab zwei Kilo zugenommen!“.  Wie furchtbar.

Oder wenn die Hipster-Mutter neben uns im Lokal ihre Brille zurecht rückt und daraufhin ihre Bestellung mit einem „Aaaaalso…“ beginnt und mit einem „…den Bacon Chilli Cheese Burger, aber bitte ohne den Speck, ohne die Zwiebeln, ohne die Gurken, dafür mit vielen gehackten Chillischoten und doppelt Tomate. Ist in der Sauce Knoblauch drin? … Dann tauschen Sie die bitte durch eine Cocktailsauce oder Kräutersauce aus. Und die Pommes bitte nicht zu fettig sondern schön knusprig. Danke.“ beendet.

Oder wenn mir eine Freundin erzählt, dass sie letztens in der U6 am Weg nach Hause sitzt, als ein wirr wirkender Typ einen alten Taschenrechner aus dem Rucksack zieht, wahllos schnell darauf herumtippt und dabei unheimlich murmelt. Wenn er im nächsten Moment einen mitgebrachten Stock zur Hand nimmt, aus der U-Bahn aussteigt und mit dem Stock sämtliche Fenster und Türen der U-Bahn einschlägt.

Oder wenn ein Pärchen in Anzug und weißem, schulterlosen Mini-Ballkleid in eine eher alternative, legere Bar kommt und die stark geschminkte Dame ein Gesicht zieht, als ob sie gerade die Gruft betreten hätte. Wenn sie sich widerwillig zu ihm an die Bar stellt und naserümpfend einen Aperol-Spritzer („aber mit Eiswürfeln!“) bestellt. Wenn sie in ihrer viel zu kleinen Handtasche nach einem Taschentuch gräbt, um damit die paar Zentimeter der Theke gründlichst abzuwischen, auf die sie ihren zierlichen Ellbogen stützen möchte.

Ich glaube, ihr habt so eine Idee. Das reicht für heute.

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Ich hab da was gehört.. #15

von am März 2, 2015

Letztes Wochenende im Flanagans. Ich gehe gerade die lange Treppe zu den Toiletten hinunter. Auf einer Stufe stehen ein Mädl und ein Typ und unterhalten sich. Ich höre nur:
„Ich fühle mich nicht so wohl, wenn wir hier stehen.. können wir vielleicht woanders plaudern? Die Freundin meines Bruders ist letztens die U-Bahn-Treppe hinuntergestürzt und hat sich alle Zähne ausgeschlagen.. ALLE.“

Uhmm.. Autsch. Danke für die Albträume.
(So vorsichtig wie an diesem Abend habe ich mich schon lange nicht mehr von Stufe zu Stufe bewegt.)
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Ausgesperrt

von am Februar 26, 2015

1424093425427Ich bin keine Straße in Wien öfter hinaufgegangen/hinuntergefahren als die Wiedner Hauptstraße im vierten/fünften Bezirk. Ich kenne die Gesichter der Zeitungsverkäufer vor den immer gleichen Läden, ich weiß, wo ich Antiquitäten, eine Bratpfanne, Edelsteinschmuck oder ein Bio-Jausenweckerl kaufen könnte, wenn ich wollte, und ich bemerke meist sofort, wenn ein neues Lokal eingezogen oder ein Geschäft weggezogen ist. Umso verwunderlicher ist es, dass mir erst jetzt wirklich bewusst aufgefallen ist, dass der junge Obdachlose, der die kalten Wintertage meist lesend auf dem wärmenden Lüftungsschacht vor dem Billa Ecke Paniglgasse verbrachte, schon längst nicht mehr dort herumlungert. Es beschlich mich zwar ab und zu ein leeres Gefühl beim verträumten Vorbeifahren in der Straßenbahn, als mir unterschwellig in den Sinn gekommen ist, dass dort diesen Winter niemand sitzt, aber ich habe wohl nie weiter darüber nachgedacht. Und erst jetzt erblickten meine Augen den dreisten Grund dafür: Ein Gitter, das den Lüftungsschacht absperrt und somit Sandlern die wärmende Brise verwehrt. Vor einigen Monaten sah ich noch Artikel und Fotos dieser grausamen Metallstacheln gegen Obdachlose in London und anderen Städten und war froh, dass Wien auf diese ungute Methode verzichtet. Im ersten Moment war ich also wirklich, wirklich sauer. Was soll die Scheiße? Soweit ich das beurteilen kann, ist der Junge immer nur dort gesessen, hat niemanden belästigt oder sich sonst irgendwie unangemessen verhalten. (Natürlich ist meine Wahrnehmung nur ein minimaler Ausschnitt seiner Tagesaktivität.) Meine anfängliche Empörung hat sich mittlerweile gelegt – vermutlich auch, weil ich herausgefunden habe, dass sie alles andere als up to date war. Ich bin die letzten Monate wohl blind an dem Gitter vorbeigegangen/-gefahren (oder hatte immer etwas Interessanteres im Blick), da es schon seit ca. Mai existiert und damals schon ordentlich Staub aufgewirbelt hat. Und natürlich hat Vice (wer auch sonst?) schon längst darüber geschrieben, dass beim Billa manchmal der Hausverstand aussetzt. Dort ist auch eine Stellungnahme von der gelbroten Supermarktkette zu lesen. Und böse Zungen behaupten in den Kommentaren, dass der Herr dort seine Zeit doch nicht ganz so harmlos verbracht hat. Ich habe mich trotzdem dazu entschieden, auch jetzt noch über das Thema zu schreiben. Weil Gitter und Stacheln sicher die falsche Methode sind, um dieses Problem zu lösen. Und weil ich dem jungen Mann auf diesem Wege alles Gute wünschen möchte. Hoffentlich wurde sein Leben mittlerweile in glücklichere Bahnen gelenkt – oder er hat zumindest ein anderes, ohnehin viel netteres warmes Plätzchen gefunden.

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