Begegnungen | Lebenszirkus | Lesestoff | Veränderungen

Tagebuch Slam

von am September 5, 2016

Vor ein paar Jahren habe ich unter einem Anflug von Schamgefühl und Panik, dass sie je jemand lesen könnte, alle meine Tagebücher zerstört und weggeworfen. Seit Tagebuch-Slams (liebestagebuch.at) in Mode gekommen sind, finde ich es schon wieder fast ein wenig schade, dass ich die Welt nicht mehr an meinen peinlichen Teenagerergüssen teilhaben lassen kann. (Ich hätte im Theater an der Gumpendorfer Straße bestimmt einige Preise einheimsen können!) Doch als ich das letzte Mal zu Hause bei meinen Eltern war, habe ich zufällig ein kleines Büchlein gefunden, das ich nicht zerstört habe. Eine Episode daraus fand ich so amüsant, dass ich sie euch nicht vorenthalten möchte. Meine Geschichte mit Mister X. In meinem 13. Lebensjahr verwendete ich scheinbar gerne das Wort „geil“, mein Gehirn befand sich offensichtlich mitten in den pubertären Umbauprozessen, und ich war wie die meisten Mädels in diesem Alter eine Mischung aus superdämlich und superunangebracht – kam mir dabei aber ganz großartig vor.

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7. Oktober 2002

Ich bin heute sooo happy! Ein Boy aus der 4. (!!!) hat einen Stand auf mich, voll geil! Und er ist auch nicht schirch. Ich mein, der Fescheste ist es nicht, aber richtig schirch ist er auch nicht. Ma und der X aus der 3. ist auch voll geil! Der ist echt so ein cooler Typ. Doch leider hat der einen Stand auf die M! Na ja.. und der Y ist jetzt wieder voll verknallt in mich! Der hat mir Erkan + Stefan geliehen und hat mir ein paar coole Szenen erzählt – voll krass-konkret ey!   😀

14. Oktober 2002

So, jetzt war ich schon wieder richtig schreibfaul, doch es ist in der Zwischenzeit schon wieder sooo viel passiert! Ich gehe jetzt mit dem süßesten Boy aus der Dritten! Mit dem X! *looooove* Er ist sooo süß! Er ist extra wegen mir nach St. Margarethen gefahren! Voll lieb! Ich gebe ihm immer ein Bussi, voll cool! Ich glaube ich werde mit ihm meinen ersten Zungenkuss haben. SHIT! Wie macht man das? Die M hat es mir heute erklärt. Voll geil, jetzt wollen alle einen Freund aus der Schule! (…)

17. Oktober 2002

Tja, ich weiß nicht recht wieso, aber das, was ich da oben geschrieben habe, empfinde ich nicht mehr ganz… das letzte Mal wie ich dem X ein Bussi gegeben habe, hat die ganze Klasse zugeschaut und die Buben haben geklatscht und voll blöd getan und alle aus der Klasse reden jetzt blöd über mich. Aber es ist nicht nur das.. das letzte Mal sind wir mit dem X in der Freistunde hinausgegangen und da habe ich ihn genau angeschaut und gesehen: er ist gar nicht so fesch! Ich glaube ich will ihn gar nicht küssen. Aber er wäre irgendwie voll arm, wenn ich nach einer Woche Schluss machen würde. Vielleicht warte ich noch ein bisschen… und sage ihm dann, dass wir irgendwie nicht zusammenpassen. (…)

1. Februar 2003

Maaaah SO ARG!! Es ist in der Zwischenzeit schon wieder SOOO viel passiert! Also.. mit dem X gehe ich schon seit Oktober nicht mehr, ich habe per SMS Schluss gemacht. Und seit dem ist er soooo scheiße zu mir! Wenn ich ihn auf der Piste oder in der Schihütte treffe, lacht er immer blöd und verarscht mich. Tzzz.. der glaubt er ist sooo toll. Dabei wollte ich ihn nicht mehr! Na ja egal. Ich bereue nichts. (…)

Tja. Dass man doch ein bisschen scheiße sein darf, wenn schon nach wenigen Tagen Händchenhalten und Küsschen per SMS Schluss gemacht wird, habe ich damals natürlich nicht gesehen. Ich hatte übrigens nie wieder etwas mit diesem Herrn X zu tun. Und bevor jemand fragt: Nein, auch auf Klassentreffen werden wir nicht über diese Geschichte lachen, er ging in die Parallelklasse.

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Alltag | Begegnungen | Lebenszirkus | Musik und Konzerte | Nachtleben | Sommer | Unterwegs | Veränderungen

Die Sache mit der Sommerpause

von am Oktober 7, 2015

Wie alle diese Fernsehfuzzis, Politiker und Fußballspieler habe auch ich mir dieses Jahr eine Sommerpause gegönnt. Na gut, vielleicht ist sie etwas länger ausgefallen. Aber der Sommer ist halt auch so wahnsinnig heiß und so wahnsinnig aufregend und so wahnsinnig wahnsinnig. Oder so. Ihr wisst schon.
Es regnet, ich bin erkältet und irgendwie habe ich schon wieder fast vergessen, wie sich Sommer anfühlt. Aber ich glaube, das mit dem kurz Revue passieren lassen funktioniert noch. Ich werde euch jetzt allerdings nicht mit tollen Sommererlebnissen langweilen. Na ja, vielleicht ein bisschen. Aber nur mit ein paar lustigen Anekdoten. Oder skurrilen. Oder schönen. NA GUT, ich langweile euch jetzt doch mit tollen Sommererlebnissen (und mit Sommer meine ich die gesamte Zeit bis jetzt). Aber nur mit einigen wenigen. In Kurzform.

Wer ist Kurt Razelli? Und warum trägt er ausgerechnet eine Schwarzenegger-Maske? Der Auftritt von ihm im Rahmen des Popfests im Brut war wohl eines der schrägsten „Konzerte“, auf denen ich jemals war. Ein Publikum, das laut „Hypo Alpe Adria“ mitgröhlt, hat definitiv etwas Bizarres.

Welche lustigen Anekdoten und Sprüche habt ihr im Freibad von euren Nachbarn gehört? Eins meiner Highlights: Ein kleiner Bub (geschätzte 7 Jahre) stopft sich seine Badehose beim Hintern mit einem Handtuch aus und schreit „Schau Oma!! Wie die Kim Kardashian!!“ Ich habe leider nicht mitbekommen, ob die Oma tatsächlich wusste, wer Kim Kardashian ist.

Was läuft eigentlich in Stermanns und Grissemanns Köpfen falsch? Ich habe Karten für das Stück „Für die Eltern was Perverses“ im Rabenhoftheater gewonnen und fand es neben lustig auch sehr.. seltsam. Aber lustig-seltsam. Immerhin. Zusätzlich amüsiert hat mich, dass Stermann nur 10 Minuten nach dem Auftritt mit uns in derselben U-Bahn saß. Ich stelle mir das so vor, dass die zwei sich nach dem Abschlussapplaus hinter der Bühne kurz anschauen und „Jo.. eh. War scheiße eigentlich, aber hat schon passt.“ zueinander sagen und gehen.

Ist es eigentlich normal, dass in England niemand eine Zugabe hören will? Ich war auf einem kleinen Konzert in London und nachdem die Band bekannt gab, dass das nächste Lied das letzte sein wird, hat danach jeder kurz applaudiert und ohne Weiteres sofort den Saal verlassen. Das hat uns sehr verwirrt. (Nein, das Konzert war nicht mies.)

Was ist ein großartiges Date für euch? Was muss passieren? Ich weiß jetzt, dass spontane Cocktails, über den nächtlichen Naschmarkt schlendern und stundenlange intime Plaudereien über den Dächern Wiens auf jeden Fall dazugehören.

Habt ihr manchmal Lust auf typische Touri-Sachen in der eigenen Stadt oder nervt euch das nur? Ich war mit meinem lieben Besuch das erste Mal im Madame Tussauds in Wien, einfach weil wir irgendwie Lust darauf hatten. Und schossen dabei selbstverständlich furchtbar klischeehafte Fotos. Ja, ich habe Johnny Depp geküsst. Und Elvis. Und Brad Pitt.

Wart ihr letzten Samstag auch am Heldenplatz? Mit über 100.000 Menschen zu schweigen und zu „Schrei nach Liebe“ abzugehen –> Gänsehaut pur. Danke dafür. Refugees welcome.

Noch ein paar Erkenntnisse:
Es fühlt sich gar nicht so falsch an, bei 30 Grad eine Winterhaube zu kaufen.
Sorry an alle Katzenbesitzer da draußen, aber die schönsten und liebsten Katzen Wiens (nein, vermutlich der ganzen Welt) leben in Margareten.
Graz ist schon auch ziemlich cool.
Sonnenbrillen mit Herzchen-Gläsern kommen gut an.
Mr. Robot und Fargo sind großartige Serien.
Shoppen kann furchtbar nervig sein.
Nach sechs Jahren in der Wohnung besitze ich keine Zitronenpresse.
Wer dem Internet glaubt und gegen trockenen Reizhusten gewürfelte Zwiebeln neben dem Bett aufstellt, wacht gefühlsmäßig in einem Kebabstandl auf.
In London gibt es eindeutig zu wenige Mütter, die sagen „Nein Mädl.. es ist viel zu kalt. So gehst du nicht aus dem Haus!“.
Manche Menschen wissen nicht wer Audrey Hepburn oder Freddie Mercury ist.
Sollte das mit meinem Leben in Wien nicht so funktionieren, gehe ich nach Camden Town und werde Punk.

So. Das wars auch schon. Ab jetzt lesen wir uns wieder öfter. Ich freu mich drauf.

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Alltag | Foto-Montag | Lebenszirkus | Nachtleben | Unterwegs | Veränderungen

Foto-Montag

von am Mai 11, 2015

Da ich die letzten Wochen und Monate viel Zeit für Dinge vergeudet habe, die es absolut nicht wert waren, war es hier leider etwas ruhiger. Nachdem ich mich in dieser Zeit auch ein wenig selbst verlor, habe ich mich über die letzten zwei Wochen glücklicherweise beinahe gänzlich wiedergefunden.
Schöne Frühlingstage, mein geliebter duftender Flieder, Stadtpark-Seifenblasen, feine Abende im Museumsquartier, Mädelstratsch im Gastgarten vom WerkzeugH und generell all meine Lieben um mich herum haben kräftig mitgeholfen. Danke. Alles gut. Abgehakt. Weiter geht’s.
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Alltag | Begegnungen | Lebenszirkus | Öffi-Geschichten | Unterwegs | Veränderungen | Winter

Ausgesperrt

von am Februar 26, 2015

1424093425427Ich bin keine Straße in Wien öfter hinaufgegangen/hinuntergefahren als die Wiedner Hauptstraße im vierten/fünften Bezirk. Ich kenne die Gesichter der Zeitungsverkäufer vor den immer gleichen Läden, ich weiß, wo ich Antiquitäten, eine Bratpfanne, Edelsteinschmuck oder ein Bio-Jausenweckerl kaufen könnte, wenn ich wollte, und ich bemerke meist sofort, wenn ein neues Lokal eingezogen oder ein Geschäft weggezogen ist. Umso verwunderlicher ist es, dass mir erst jetzt wirklich bewusst aufgefallen ist, dass der junge Obdachlose, der die kalten Wintertage meist lesend auf dem wärmenden Lüftungsschacht vor dem Billa Ecke Paniglgasse verbrachte, schon längst nicht mehr dort herumlungert. Es beschlich mich zwar ab und zu ein leeres Gefühl beim verträumten Vorbeifahren in der Straßenbahn, als mir unterschwellig in den Sinn gekommen ist, dass dort diesen Winter niemand sitzt, aber ich habe wohl nie weiter darüber nachgedacht. Und erst jetzt erblickten meine Augen den dreisten Grund dafür: Ein Gitter, das den Lüftungsschacht absperrt und somit Sandlern die wärmende Brise verwehrt. Vor einigen Monaten sah ich noch Artikel und Fotos dieser grausamen Metallstacheln gegen Obdachlose in London und anderen Städten und war froh, dass Wien auf diese ungute Methode verzichtet. Im ersten Moment war ich also wirklich, wirklich sauer. Was soll die Scheiße? Soweit ich das beurteilen kann, ist der Junge immer nur dort gesessen, hat niemanden belästigt oder sich sonst irgendwie unangemessen verhalten. (Natürlich ist meine Wahrnehmung nur ein minimaler Ausschnitt seiner Tagesaktivität.) Meine anfängliche Empörung hat sich mittlerweile gelegt – vermutlich auch, weil ich herausgefunden habe, dass sie alles andere als up to date war. Ich bin die letzten Monate wohl blind an dem Gitter vorbeigegangen/-gefahren (oder hatte immer etwas Interessanteres im Blick), da es schon seit ca. Mai existiert und damals schon ordentlich Staub aufgewirbelt hat. Und natürlich hat Vice (wer auch sonst?) schon längst darüber geschrieben, dass beim Billa manchmal der Hausverstand aussetzt. Dort ist auch eine Stellungnahme von der gelbroten Supermarktkette zu lesen. Und böse Zungen behaupten in den Kommentaren, dass der Herr dort seine Zeit doch nicht ganz so harmlos verbracht hat. Ich habe mich trotzdem dazu entschieden, auch jetzt noch über das Thema zu schreiben. Weil Gitter und Stacheln sicher die falsche Methode sind, um dieses Problem zu lösen. Und weil ich dem jungen Mann auf diesem Wege alles Gute wünschen möchte. Hoffentlich wurde sein Leben mittlerweile in glücklichere Bahnen gelenkt – oder er hat zumindest ein anderes, ohnehin viel netteres warmes Plätzchen gefunden.

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Begegnungen | Lebenszirkus | Musik und Konzerte | Unterwegs | Veränderungen | Wien

Tattoos

von am März 4, 2014

Oh it’s payday, yes it’s payday
I got my pay cheque from the man
There’s not so many jobs that I can get these days
With these marks all over my hands
But I’m gonna take that cheque
I’m gonna head across the track
To the wrong side of this town
I’m gonna open the door
I’m gonna bask in the roar
Of that familiar buzzing needle sound 

Because the ink in my skin
Where the needle went in
However many years ago
Has left marks on my arms
And they say who I am
Everywhere that I go 

Some people have none and
Some have one that they’re ashamed of
Most people think that we’re fools
Some people don’t get it and
Some people don’t care
And some of us we have tattoos 

Oh it’s fading, yes it’s fading
Some of the things that I believed back then
Yes my skin has started sagging and
The ink has started running
And I’ve got buddy tattoos with people
Who aren’t my friends
Oh I’ve even got black x’s from when I was straight edge
So crack open a beer friends now
And let’s make a pledge 

If we had the luck to live our lives a second time through
We’d be sure to get the same tattoos 

Because the ink in my skin
Where the needle went in
However many years ago
Has left marks on my arms
And they say who I am
Everywhere that I go 

Some people have none and
Some have one that they’re ashamed of
Most people think that we’re fools
Some people don’t get it and
Some people don’t care
And some of us we have tattoos

We’ve got hearts for the lovers
And playing cards for the gamblers
Black flag bars for the punks
And sailing ships for the ramblers
We got skulls for the living
And the pain pays our dues
And some of us we have tattoos

Frank Turner – Tattoos

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Lieber Frank, ich liebe dich sehr und freue mich irre, dass wir uns heute Abend wiedersehen, aber was du da singst, muss ich kurz mal ein bisschen in Frage stellen. Achtung – spießiger Kommentar im Anmarsch.

Gleich mal vorneweg (oh.. sie versucht’s mit Beschwichtigung): Ich bin Tattoo-Liebhaberin. Auch wenn ich selbst kein einziges habe. Clevere, einzigartige, toll gestochene Tätowierungen finde ich großartig. Obwohl.. das Motiv muss oft nicht einmal besonders originell sein, um mich überzeugen zu können. Ich fände es zwar schrecklich, so Mainstream-Vögelchen, Traumfänger, Blümchen, Sternchen oder ausgelutschte Zitate auf (oder unter?) der Haut zu tragen, aber so einzeln betrachtet habe ich doch auch schon viele davon gesehen, die mir gefielen. So ein bisschen zumindest. Aber warum zum Teufel lässt man sich irgendeinen Trend stechen, der kurze Zeit später in ein Horrorszenario umschwenken kann (ich verweise hier auf das wunderschöne Arschgeweih), ohne irgendeine persönliche Verbindung damit zu haben und ohne auch nur ein bisschen darüber nachzudenken? Frank Turner singt: „If we had the luck to live our lives a second time through we’d be sure to get the same tattoos“. Und ich sage (wohlgemerkt als Außenstehende): Bullshit! „Die machen mich zu dem, was ich heute bin!“ Ach komm.. ich kenne genug Leute persönlich, die lieber die Personen wären, die sie heute sind, nur ohne das hässliche Ding auf der Schulter oder am Knöchel.
Bevor jetzt ein Shitstorm auf mich niederbricht: Ich weiß, es gibt genug, die auch nach Jahren keinen ihren Nadelstiche bereuen. Glücklicherweise. Da ich eine derjenigen bin, die es selbst nie erlebt haben, würde mich ehrlich interessieren: Lernt der Großteil die eigenen Tätowierungen über die Zeit so zu lieben, dass es ihnen ganz egal ist, dass sie sich heute ganz anders entscheiden würden? Oder gibt es tatsächlich so viele, deren Geschmack und Einstellung sich auf Dauer nicht oder nur sehr gering verändern? Ich habe die letzten Jahre mal mehr mal weniger ernsthaft über mögliche Motivwünsche nachgedacht und meine Güte wäre ich heute unglücklich mit den Tattoo-Entscheidungen, die ich mit 18 getroffen hätte. Oder eben auch nicht? Aber allein der Gedanke daran, diese Motive jetzt (fast) unwiderruflich am Körper zu tragen, lässt mich schaudern. Klar geht es im Lied auch darum, dass man sich eben verändert und sich auch teilweise Blödsinn stechen hat lassen, aber dass man das eben einmal war und diese Tätowierungen auch wie Narben mit etwas Stolz tragen kann (frei interpretiert). Das hört sich so eigentlich ganz nett an, stimmt. Im Vergleich jedoch bin ich sehr froh, dass ich meine jugendlichen Modesünden und andere Geschmacksverwirrungen nicht dauernd mit mir herumtragen muss. Obwohl das auch mal ich war. Und so.

Alle, die sich davon jetzt angegriffen fühlen. Alle, die mir euphorisch zustimmen. > Werdet erwachsen.

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