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Momentaufnahme #1

von am Mai 18, 2015

RiesenradVor ein bisschen mehr als zwei Wochen habe ich mir mit meinem lieben Besuch zum ersten Mal in sechs Jahren das Maifest im Prater angeschaut. Und ich kann nur sagen: Unglaublich, wie viele Leute jedes Jahr am 1. Mai in den Vergnügungspark (und zu den Wiesen und Grünflächen rundherum) pilgern. Ende Februar sah die Kulisse noch etwas anders aus. Eine konträre Momentaufnahme.

Die spröden Borsten fegen immer wieder langsam über den Asphalt und schleudern Kieselsteinchen und Zigarettenstummel einige Zentimeter weiter in die Richtung, wo schon ein kleines Häufchen voller Müllreste und Kiesel auf sie wartet. Nachdem der Besen noch ein paar Mal über den Straßenbelag gezogen wurde und die dreckigen Reste bei ihren Genossen angekommen sind, lässt der kehrende Mann den Holzstiel mit einer Hand los und kratzt sich seinen schwarzen Schnauzer. Die kleinen Wägen in dem Autodrom hinter ihm sind säuberlich in Zweierreihen angeordnet. Das Fahrgeschäft wirkt einsam, so ganz ohne blinkende Lichter, Musiklärm und Kinder, die euphorisch versuchen, sich mit den Miniatur-Elektroautos gegenseitig zu rammen. Ein paar Schritte weiter sitzt eine ältere Frau mit grauen Haaren auf einem grauen Klappsessel unter dem grauen Himmel und aus ihren blassen, runzligen Lippen steigen passende graue Rauchwölkchen in die Luft. Mit leicht mürrischem Blick beobachtet sie einen Kerl in einer glänzend blauen Regenjacke, der eifrig auf dem Gestänge einer dieser Attraktionen herumschraubt, die meistens „Tornado“, „Boomerang“ oder irgendwie ähnlich genannt werden und die ich mir lieber immer nur von unten anschaue. Riesige, bunte Dinosaurierköpfe mit gespitzten Zähnen schauen auf mich herunter. An so einem trüben, wolkenverhangenen Tag hat die ausgestorbene Atmosphäre in dem Vergnügungspark beinahe etwas Unheimliches. Bis auf die wenigen Personen, die ihre Fahrgeschäfte aus dem Winterschlaf holen und sie auf den baldigen Ansturm vorbereiten, ist niemand zu sehen. Die Sesselchen eines Kettenkarussells schaukeln leicht im Wind und eine leere Coladose rollt klirrend an mir vorbei. Meine Füße tragen mich stur weiter Richtung U-Bahn. Bei einer kleinen, dunklen Holzhütte, an der man bestimmt bald wieder kalte Getränke und heiße Langos erstehen kann, werden eifrig die Fenster geputzt. Vor der Hütte wird mindestens genauso eifrig an den Bierflaschen genippt. Die drei Männer auf der Klappbank unterhalten sich laut und wirken wie typische Prater-Urgesteine, die man in einer Reportage auf ATV erwarten würde. Eine kalte Brise weht mir vom Riesenradplatz entgegen. Ich ziehe mir meinen Schal hoch über meinen Mund und verstecke meine Hände in den Jackentaschen. Ich freue mich auf den Frühling. Auf den Sommer. Wenn hier Einsamkeit und Ruhe wieder Fremdwörter sind. Und ich mir meinen Weg durch die Menge bahnen muss.

  

„Ich bin ein Clown und sammle Momente.“

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Alltag | Begegnungen | Lebenszirkus | Öffi-Geschichten | Unterwegs | Veränderungen | Winter

Ausgesperrt

von am Februar 26, 2015

1424093425427Ich bin keine Straße in Wien öfter hinaufgegangen/hinuntergefahren als die Wiedner Hauptstraße im vierten/fünften Bezirk. Ich kenne die Gesichter der Zeitungsverkäufer vor den immer gleichen Läden, ich weiß, wo ich Antiquitäten, eine Bratpfanne, Edelsteinschmuck oder ein Bio-Jausenweckerl kaufen könnte, wenn ich wollte, und ich bemerke meist sofort, wenn ein neues Lokal eingezogen oder ein Geschäft weggezogen ist. Umso verwunderlicher ist es, dass mir erst jetzt wirklich bewusst aufgefallen ist, dass der junge Obdachlose, der die kalten Wintertage meist lesend auf dem wärmenden Lüftungsschacht vor dem Billa Ecke Paniglgasse verbrachte, schon längst nicht mehr dort herumlungert. Es beschlich mich zwar ab und zu ein leeres Gefühl beim verträumten Vorbeifahren in der Straßenbahn, als mir unterschwellig in den Sinn gekommen ist, dass dort diesen Winter niemand sitzt, aber ich habe wohl nie weiter darüber nachgedacht. Und erst jetzt erblickten meine Augen den dreisten Grund dafür: Ein Gitter, das den Lüftungsschacht absperrt und somit Sandlern die wärmende Brise verwehrt. Vor einigen Monaten sah ich noch Artikel und Fotos dieser grausamen Metallstacheln gegen Obdachlose in London und anderen Städten und war froh, dass Wien auf diese ungute Methode verzichtet. Im ersten Moment war ich also wirklich, wirklich sauer. Was soll die Scheiße? Soweit ich das beurteilen kann, ist der Junge immer nur dort gesessen, hat niemanden belästigt oder sich sonst irgendwie unangemessen verhalten. (Natürlich ist meine Wahrnehmung nur ein minimaler Ausschnitt seiner Tagesaktivität.) Meine anfängliche Empörung hat sich mittlerweile gelegt – vermutlich auch, weil ich herausgefunden habe, dass sie alles andere als up to date war. Ich bin die letzten Monate wohl blind an dem Gitter vorbeigegangen/-gefahren (oder hatte immer etwas Interessanteres im Blick), da es schon seit ca. Mai existiert und damals schon ordentlich Staub aufgewirbelt hat. Und natürlich hat Vice (wer auch sonst?) schon längst darüber geschrieben, dass beim Billa manchmal der Hausverstand aussetzt. Dort ist auch eine Stellungnahme von der gelbroten Supermarktkette zu lesen. Und böse Zungen behaupten in den Kommentaren, dass der Herr dort seine Zeit doch nicht ganz so harmlos verbracht hat. Ich habe mich trotzdem dazu entschieden, auch jetzt noch über das Thema zu schreiben. Weil Gitter und Stacheln sicher die falsche Methode sind, um dieses Problem zu lösen. Und weil ich dem jungen Mann auf diesem Wege alles Gute wünschen möchte. Hoffentlich wurde sein Leben mittlerweile in glücklichere Bahnen gelenkt – oder er hat zumindest ein anderes, ohnehin viel netteres warmes Plätzchen gefunden.

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Kinkerlitzchen des Tages

von am Februar 19, 2015

„Das Kinkerlitzchen – in seltenen Fällen auch Kinkerklitzchen genannt – bezeichnet eine Kleinigkeit. Der Ausdruck wird meistens gebraucht um die Belanglosigkeit der als Kinkerlitzchen bezeichneten Sache hervorzuheben.“ (mundmische.de)
drecksschneeHeute: Stadt-Schnee

Ja ich weiß: Wie originell, über etwas zu meckern, das ohnehin schon von 99% der WienerInnen im täglichen Smalltalk und auf verschiedensten Social Media-Plattformen zerrissen wird (und uns allen sämtliche Nerven kostet). Allerdings fallen mir mindestens tausend Gründe ein, warum Schnee in der Stadt meistens ziemlich „ungut“ ist – ich verteufle ihn hier und jetzt aber ausnahmsweise nicht wegen steckenbleibenden Autos, nichtkommenden Straßenbahnen, eisignassen Gesichtern, feuchtmatschigen Füßen oder weil er wieder einmal viel zu spät dahergekommen ist (ich will ihn im Advent!!) – nein, heute geht es darum, dass dieser Schnee sich nur sehr kurz so schön weiß und fluffig über die Stadt legt. Rein optisch macht er unser Wien anfangs ein wenig ruhiger und friedlicher und generell auch sehr hübsch anzuschauen. Aber wie wir alle wissen, hält dieser Zustand nicht sehr lange an. Diese dreckigen Schneeberge, die den flauschigen Schneeflocken folgen, sind mir echt zuwider. Pfui.

 Kleinigkeiten, Nichtigkeiten, Firlefanz, Unsinn, Lächerlichkeiten, Kleinkram, Lappalien und Nebensächlichkeiten, über die ich nachdenke. Die mich zum Lachen bringen oder mich wütend werden lassen. Die Freudensprünge auslösen oder ein Stirnrunzeln hervorrufen. Die mich bewegen. Die mir trotzdem irgendwie wichtig sind. Das sind meine Kinkerlitzchen. 

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Ich hab da was gehört.. #14

von am Januar 10, 2015

1419889999740Da ich (wie so viele andere) die alten Coca-Cola-Weihnachtswerbungen mit dem Weihnachtstruck und Melanie Thornton-Gedudel im Hintergrund liebe/geliebt habe, hat man mich vor Weihnachten an der Hand genommen und ist mit mir in den Prater spaziert. Dort ist nicht nur der Weihnachtsmann mit dem Coca-Cola-Truck vorgefahren, auch unser Fußballer des Jahres (x4) war mit an Bord.
Wir stehen in der Menge, schauen auf die Bühne, wo der Herr Alaba gerade mehr oder weniger peinlich-gezwungene Fragen beantworten muss, da hören wir ein Pärchen hinter uns:
„Schau Schatzl! Do obn steht da David Alaba!“ – „Hm? Wer is da David Alaba? Singt der heit no wos?“

Manche Frauen schaffen es anscheinend, dass wirklich absolut ALLE Nachrichten an ihnen vorbeigehen, die mit Fußball zu tun haben.

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Die Sache mit dem Dezember

von am Januar 7, 2015

„Ich bin schon wieder dabei mein Herz zu verlieren.“ singt der Herr Urlaub auf seiner neuesten Platte – und ich kann ihn mehr als gut verstehen. Also, nicht nur akustisch. Allerdings verliere ich nicht wie er ständig mein Herz an Frauen (und bei den Männern bin ich auch weit davon entfernt) sondern an gewisse Jahresabschnittspartner, auch Monate genannt. Vor gar nicht so langer Zeit habe ich mich manchmal sagen hören, dass ich am liebsten irgendwo wohnen würde, wo ständig Sommer ist. Immer warm. Immer Sonne. Mittlerweile kann ich sagen: Bullshit. Mein Inneres lechzt geradezu nach einem ständigen Wechsel der Landschaftserscheinung und Temperatur. Aber es braucht immer ein bisschen, bis wir wieder Freunde werden. Anfangs bin ich immer etwas skeptisch und frage mich, ob es denn schon wieder so weit sein muss. „Was? Schon wieder Herbst? Kann das nicht noch warten?“. Eine Woche später schlendere ich durchs knirschende Laub und schwupps: Herz verloren. Hoffnungslos. Oktober, du hast mich. Nur kurze Zeit danach trällert der neue Band Aid-Song durch Kaufhaus-Lautsprecher und ich verdrehe die Augen so weit, dass ich fast schon in mich selbst blicken kann, bis – ja, ihr habt es schon geahnt – mein Selbst dick eingepackt in Schal und Haube in aufgeregter Weihnachtsstimmung lautstark mitsingt. Do they know it’s christmas time at aaaall?!

Dieses Jahr war ich aus irgendeinem Grund besonders verliebt in den Herrn Dezember. Man mag es kaum glauben, aber ich habe mich tatsächlich voller Motivation einige Stunden in die Küche gestellt und zwei verschiedene Kekssorten gebacken – eine davon war sogar so vorzeigbar, dass ich sie in Dosen geschlichtet, behutsam in den Koffer gepackt und der Familie vorgesetzt habe. Nach fünf Jahren in unserer Wohnung durfte ich bemerken, dass ich scheinbar noch absolut nie ein Nudelholz und Kekserlausstecher benötigt habe. (Glücklicherweise finden sich in jedem Studentenhaushalt leere Weinflaschen und Messer.) Ziemlich frech ist nur, wenn man das hart erarbeitete Endprodukt per Whatsapp-Foto dem Besten schickt und der fragt, ob die Sorte „Lieblos in Schokolade getunkte Kekse“ heißt – PAH. So fühlt sich also eine Hausfrau, die den ganzen Tag hinterm Herd steht und dann nicht gelobt wird. Als Strafe habe ich ihm dann beim nächsten Besuch auch keine mitgenommen. Nur zur Info: Sie waren KÖSTLICH. Ha.
Eine sagenhafte Frechheit ist außerdem, dass in das nicht gerade billige Fleisch des gelb-roten Supermarktes eines gewissen REWE-Konzerns Unmengen an Wasser gespritzt wird, damit die Fleischstücke schwerer sind. Da komme ich normalerweise eh nur einmal pro Jahr zu meinem geliebten Fondue und das wurde durch regelrechte Explosionen am Tisch mehr zum Desaster und weniger zum Vergnügen. Kleiner Tipp am Rande: Wer nicht Hipster genug ist und nicht schon längst auf den Vegetarisch-Vegan-Zug aufgesprungen ist, sollte Fleisch wirklich nur mehr beim Metzger seines Vertrauens kaufen. Erspart Ärger und viele Fettflecken auf schönen Hemden und mit Stoff überzogenen Bänken.

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Das war’s jetzt aber auch mit den Frechheiten, ich habe auch genug schöne Momente vorzuweisen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir das nur einbilde, aber der Dezember hatte heuer besonders viele atemberaubende Abendrot-Lichtspielereien für uns, oder? Und ich habe jede einzelne davon genossen. (Das Foto ist übrigens in enormer Panik entstanden – teilt irgendwer meine irrational große Angst, das Handy fallen zu lassen, wenn man es für das gewünschte Bild über ein Geländer/aus dem Fenster strecken muss?). Die orange-lila Wolken mussten nach dem verträumten Anstarren im Anschluss ab und zu mit orange-roten Heißgetränken begossen werden. Diese Adventszeit hat mich neben Karlsplatz, Campus & Co zum allerersten Mal endlich auch zu den kleineren, innerstädtischen Christkindlmärkten geführt (Freyung, Am Hof, Stephansplatz). Und oha, war ich überrascht, wie anders das Publikum dort teilweise ist. Mir erschließt sich zwar nicht ganz, warum genau im Ersten weniger Touristen zu finden sind, aber es ist mehr als amüsant, wenn sich die Damen und Herren der Wiener Gesellschaft mit ihren Glühweintassen in der Hand durch die Menge vorm Standl bahnen und alle paar Sekunden ein „Gestatten?“ oder „Erlauben?“ von sich geben. Das sind dann sicher auch jene, die sich die Drei-Meter-Bäume in die Altbauwohnung stellen – am Graben werden nämlich gar keine kleineren verkauft, wie ich feststellen konnte. Ob sich diese Leute wohl auch Personal für das Christbaumschmücken ins Haus holen? Ich kann und will mir gar nicht vorstellen, wie lange man auf so eine riesige Tanne glitzerndes Zeugs hinaufhängen muss, bis sie endlich wie ein gut gefüllter, schöner Weihnachtsbaum ausschaut.

Da das ganze Weihnachtstheater mit dem gestrigen Tag offiziell zu Ende gegangen ist und alle meine Dezembererlebnisse in ausschweifender, detailgetreuer Form doch etwas zu viel des Guten sind, schließe ich mit einem wirren Querschnitt:
Es kann ganz interessant sein, zuzuschauen, wie ein großer Haufen Touristen beim Après-Ski mit obligatorischer Schlagerbeschallung immer betrunkener wird. * Wenn deine Mama vor Weihnachten sagt, dass sie dir das gewünschte Geschenk nicht mehr besorgen konnte, flunkert sie – Überraschung! * Spielt eigentlich noch irgendwer Siedler von Catan und/oder Rummikub? Ja, wir! Und obwohl ich zu glauben meine, dass ich bei Gesellschaftsspielen normalerweise nicht die große Favoritin bin, habe ich sie FERTIG GEMACHT! (Ja, wir drei wissen, dass ich ziemlich übertreibe, aber lasst mir doch die Freude..). * Wenn man die geplanten Geschenke schon im Kopf hat und sich bewusst für einen ruhigen, angenehmen Tag zum Einkaufen entscheidet, kann das Ganze fast entspannend sein. * Absolut JEDER sollte ein Verwandlungskissen zu Hause haben. * Es ist tatsächlich möglich, die ganze Advents-/Weihnachtszeit ohne Gewichtszunahme zu überstehen. (Ich bin ja fast ein bisschen stolz auf mich). * Silvester sollte nur noch privat gefeiert werden, so großartig war es selten. *

Nachträglich noch ein wunderbares neues Jahr von mir! 🙂 2015 wird toll. Ich spür’s.

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Samstag Abend – anders.

von am Januar 20, 2014

(Viel zu spät. Aber trotzdem noch. Ist ja eh noch Jänner…)

Jetzt sitze ich hier. Trinke fragwürdigen Kaffee in einem noch fragwürdigeren Lokal und kritzle ein paar Zeilen in meinen kleinen Kalender. Die Stammtischrunde gegenüber beachtet mich mittlerweile nicht mehr. Es war doch nur wenige Minuten interessant, wer das blonde Mädchen ist und was sie hier wohl macht, wo sie doch so gar nicht hier hereinpasst. Ich bin am Weg nach Hause. In wenigen Tagen ist Weihnachten und ich freue mich auf Familienfeste, selbstgebackene Kekse und den Duft dieser kleinen Räucherkegel, die meine Mama so gerne anzündet. Und jetzt sitze ich hier.

DSC_0066Traurig, dass dieses Fest im Dezember für so viele nichts mit Gemütlichkeit und Freude zu tun hat sondern eher Depressionen auslöst. Depressionen, die unglückliche Seelen sogar dazu bewegen, nicht nur dem Weihnachtswahnsinn, sondern gleich dem ganzen Leben entfliehen zu wollen. Und das auf den Schienen der ÖBB. Ich weiß nicht genau, ob es stimmt, dass sich in dieser „besinnlichen“ Zeit mehr Menschen das Leben nehmen als in den anderen Monaten. Ab und zu hört man davon. Ab und zu kann man wieder Gegenteiliges lesen. Wenn es so ist, kann ich es sogar verstehen. Irgendwie. Innerlich muss ich seufzen. Draußen ist es schon längst dunkel und ein ungemütlicher, kalter Wind weht. Glücklicherweise konnte diesmal das Vorhaben nicht in die Tat umgesetzt werden. Die Suche nach dem Suizidgefährdeten bewirkte jedoch einen 40-minütigen Zwischenstopp meines Zuges und Ärgerlichkeit bei allen Passagieren – mich eingeschlossen. Die Anschlussschmalspurbahn (ich mag es, wenn drei S aufeinandertreffen) wartet leider nicht über eine halbe Stunde auf Weihnachtsheimkehrende aus Wien. Und jetzt sitze ich hier.
Ich schaue auf und nippe an meinem Kaffee. Aus den Lautsprechern des Radios dudeln ausgelutschte Weihnachtslieder. Als Mariah Carey mir vorsingt, was sie sich zu Weihnachten wünscht, geht die Tür auf und ein weiterer Stammgast betritt das Lokal. Er nickt der Kellnerin kurz zu und setzt sich zu der Beislgesellschaft, die sich hier samstagabends wohl immer auf Bier, Zigaretten und Tratsch trifft. Im Wiener Ur-Beisl Mäuschen zu spielen und Spira-mäßig zu hören, was dort so geplaudert und erzählt wird, würde mir ja oft gefallen. Das Wiener Beisl wurde zwar durch ein etwas heruntergekommenes, steirisches Bahnhofscafé ersetzt, aber was sich darin abspielt, ist wohl dasselbe in grün. In verschiedenen Dialekten. Zu meiner Enttäuschung sind die Gespräche am Stammtisch weniger aufregend als gedacht. Als gewünscht. Nicht einmal höre ich etwas, das mich zum Schmunzeln bringt oder über das es sich zu schreiben lohnt. Geld. Polizei. Bauarbeiten. Und hier sitze ich jetzt.
Ich schaue auf die Uhr und möchte den Minutenzeiger gerne weiter nach vorne drehen. Ein bisschen noch, dann fahre ich heim. Nur noch ein bisschen. Der Dazugestoßene hat nun auch ein Bier vor sich stehen und hält seine Flasche fast behutsam mit beiden Händen. Er hat kein Wort von sich gegeben seit er sich auf dem Stuhl am Tischende niedergelassen hat. Immer wenn ich aufschaue, sehe ich im Augenwinkel, dass er mich unaufhörlich ansieht. Fast anstarrt. Sobald ich den Kopf in seine Richtung drehe, suchen seine Augen wie bei einem ertappten Jungen blitzartig ein anderes Ziel, das sie fixieren können. Nachdem ich meinen Blick wieder senke und weiterschreibe, spüre ich seine Augen wieder auf mir ruhen. Ich kann mich nicht genau entscheiden, ob ich es lustig oder doch eher unheimlich finden soll. Ist es mein Aussehen, das ihn so fasziniert oder mehr die Tatsache, dass hier an einem Samstag Abend ein fremdes Mädchen völlig alleine sitzt und Kaffee trinkt? Vermutlich eine Mischung aus beidem. Und hier sitze ich jetzt.
Während ich mir die kitschigen Girlanden und die bunten Kugeln, die über der Bar hängen, genauer anschaue, springt die digitale Anzeige meines Handys auf die erlösende Uhrzeit und mein Alarmton erfüllt für einige Sekunden den Raum. Als ob hier der Wecker nötig gewesen wäre. Als ob ich hier die Zeit übersehen könnte. Die Melodie bewirkt, dass das Gespräch der Stammtischrunde kurz abreißt und die Kellnerin, die auch laut mitdiskutiert hatte, wieder auf mich aufmerksam wird.  Ich drücke ihr ein paar Euro in die Hand, schnappe mir meine Tasche und gehe durch die Tür in eine kalte Winternacht. Und lasse Selbstmord, Beislgesellschaften und unheimliche, alte Männer weit hinter mir.

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