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Aufgeschnappt

von am April 2, 2012

11026626_10205015847947969_1738689146_nWie viele skurrile Sätze/Situationen kann man an nur einem Tag hören/sehen? Ich biete fünf. Obwohl man sich nur einige Minuten in die U-Bahn setzen und ein bisschen herumlauschen müsste, um das zu überbieten. Wien ist teilweise echt das reinste Kasperltheater.

„Entschuldigung!!!? Ich hab an Bauch!!“

Gehört von einer empörten Hochschwangeren in der überfüllten Straßenbahn, die ihre Hände schützend um ihren Bauch geschlungen hatte. Die umstehenden Personen haben sie wohl zu sehr bedrängt (was ich sehr gut nachvollziehen kann). Eigentlich würde man ja Verständnis von den anderen Fahrgästen erwarten – Tja. Fehlanzeige. Eine etwas ältere Dame zeigte sich wenig beeindruckt und konterte mit einem „Ha! Na sogns? Homma ned olle an Bauch? I hob a an Bauch! An bissl zu großen leider..“ und streichelte sich fast zärtlich über ihr eingepacktes Wamperl. Die werdende Mutter hat daraufhin beschlossen wieder auszusteigen und die nächste Straßenbahn zu nehmen…

„Darf ich ihn streicheln?“ „Jaja klar“ „Naaaaa is des fein? IS DES FEIN? Jaaaa das is fein! Mei is des fein!!!!“

Gehört von einer anscheinend sehr hundebegeisterten, aufgetakelten „Perle“ in der Straßenbahn, die einem fremden Vierbeiner den Hals kraulte. Ich habe eigentlich nur darauf gewartet, dass der Hund diesen Wtf-Blick aufsetzt und die Augen rollt. Allerdings bin ich mir sicher, dass er es gemacht hätte, wenn er könnte. Die Hundebesitzerin runzelte zwar kurz die Stirn,  bekämpfte dann aber ihre inneren Instinkte und brachte tatsächlich ein ziemlich neutrales Gesicht zustande. Chapeau! Ich hab’s nicht geschafft.

„JETZT! Leben Sie nach diesen Regeln! AB JETZT!“

Gehört von einem ziemlich unheimlichen älteren Mann, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, junge Leute zu bekehren. Bei tollem Wetter sitze ich ganz gerne am Karlsplatz und der besagte Herr ist einfach IMMER auch da. Mit seinen Zetteln. Die er brav austeilt. Darauf steht ganz viel Blabla und außerdem zahlreiche Regeln, die wir einhalten sollten, damit wir nicht in der Hölle landen. Auf seinen Flyern finden sich unter anderem die Worte „Vaginakrebs“ und „Peniskrebs“. Ich glaube, das sagt alles.

„..Oder soll’n ma gleich zu mir geh’n? Was hab ich denn noch.. hmm.. alte Bananen! Du weißt, das ist meine Schwäche.. Brie! Magst du Brie?..“

Gehört von einem Mitvierziger im Vorbeigehen, der diesen Satz an seine weibliche Bekanntschaft richtete. Leider habe ich ihre Antwort nicht mehr gehört, aber vermutlich war das sowas wie „Aber ja natürlich! Ich wollte eh nicht unbedingt zu dem Italiener um die Ecke. Braune Matschbananen und Schimmelkäse klingen super!“ Welche Frau könnte da schon widerstehen?

„Sind es die, denen die Dänen dehnen helfen? Ich glaube, dass die Dänen denen dehnen helfen.“

Gehört von einem mir nicht unbekannten Herrn, der mich damit zum Lachen gebracht hat. Und hier wurde bitte nichts geklaut. Original aus den Neunzigern und extra für mich im Hier und Heute ausgegraben und wiederholt. Gelangweilte amerikanische Deutschstudenten stehen wohl teilweise sehr darauf Homophone aneinanderzureihen.

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Von Märchen und Sonnenaufgängen

von am März 7, 2012

Ich habe heute Suppe gegessen. Mit einem Topfenknödel drin. Der von außen zwar vortäuschte, einen Käsekern zu haben – der Herr Mitbewohner wunderte sich schon über den gar nicht käsigen Geschmack –, aber trotz hinterlistiger Täuschung ziemlich gut schmeckte. Ja, das ist ziemlich spektakulär. Für mich. Wo ich doch der Inbegriff des Suppen-Kaspars bin und die meiste Zeit, wenn ich Suppe vorgesetzt bekomme so etwas Ähnliches wie „Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!“ von mir gebe. Na vielleicht nicht ganz.. zu ein paar Löffelchen lass ich mich schon mal überreden. Allerdings überleben die Suppenbars in Wien, die schon seit einiger Zeit nur so aus dem Boden schießen, ganz bestimmt nicht durch Kunden meiner Sorte. Also.. Nicht-Kunden. Glücklicherweise gibt’s genug Alternativen an Nahrungsmitteln, damit ich mir mit dem Kaspar auch nicht noch das tragische Schicksal teilen muss. „(…) Er wog vielleicht ein halbes Lot – Und war am fünften Tage tot.“ Nach fünf Tagen? Und warum isst er trotz radikalen Gewichtsverlustes seine verdammte Suppe nicht? Spätestens da würde sogar ich alle Suppen dieser Welt verschlingen. Aber gut. Die Struwwelpeter-Geschichten sind irgendwie alle ein wenig gruselig. Qualvolles Verbrennen, Abschneiden der Daumen, vermutlicher Tod durch einen richtig fiesen Gewittersturm.. mich wundert ja, dass Hans Guck-in-die-Luft am Ende tatsächlich gerettet wird und nicht in den Fluten ertrinkt und sich auch nicht zufällig ein spitzes Messer in den Zappel-Philipp bohrt. Aber obwohl ich die Geschichten alle bestens kenne und sie deswegen anscheinend auch oft genug gehört habe (die Suppen-Kaspar-Geschichte hat ihre Aufgabe jedoch nicht erfüllt!!), sind es nicht diese „lehrreichen“ Besserwisser-Kindergeschichten mit Mord und Totschlag, die ein junges Mädchen faszinieren – nein, mein großes Highlight war immer das Dornröschen. Schneewittchen, Rotkäppchen, Rapunzel & Co mussten sich hinten anstellen – das Fräulein will die Geschichte hören, in der die meiste Zeit geschlafen wird! Sind ehemalige Dornröschen-Fanatikerinnen vielleicht dazu verdammt, die meiste Zeit schwer aus dem Bett zu kommen, da die Kindheits-Prinzessin in ihnen dauernd auf einen Prinz wartet, der sie wach küsst? Möglich wär’s.

Prinz hin oder her. Es ist auch heute noch schön von Märchenhaftem verzaubert zu werden. Zurzeit besteht die Möglichkeit im Kino: der Oscar-Abstauber „Hugo Cabret“ macht das ganz gut, wie ich finde. Und obwohl ich sonst kein großer Fan von dreidimensionalem Kino bin – den Hugo schaut man sich bitte unbedingt mit einer 3D-Brille auf der Nase an. Nach 127 Minuten verlässt man wirklich mit einem kleinen Glitzern in den Augen das Kino. Da irritiert nur, wenn die Begleitung schon beim Abspann „Der war lang!“ von sich gibt – Oh.. das klingt weniger begeistert. Erst später stellt sich heraus, dass „Der war leiwand!“ gesagt wurde. Jaja. Diese Nicht-Wiener, die Wiener Wörter verwenden. Versteht doch kein Mensch. Also doch beide begeistert. Fein. Und das auch ohne Prinz und Prinzessin im Drehbuch. Allerdings weiß ich nicht, ob auch andere so gern ein paar Stunden mit dem kleinen Hugo täuschen würden: Oh ich würde! In der Spitze des großen Hauptbahnhofes sitzen und den Lichtern von Paris zusehen. Von mir aus auch ganz alleine. Ziemlich kitschig, ich weiß. Allerdings habe ich kein Problem damit, offen und ehrlich zuzugeben: Ich bin eine dieser abgedroschenen Städte-in-der-Nacht-(von-luftigen-Höhen)- und Sonnenaufgangs-und-untergangs-Anbeterinnen. Der Sonnenuntergang hat mir jahrelang immer vorgemacht, er sei was ganz Besonderes und um einiges schöner als der Sonnenaufgang – mittlerweile bin ich mir da aber nicht mehr so sicher. Ich vermute, er lügt. Die Aufgänge sind nämlich die mit den vielen Facetten. Keiner wie der andere. Und so viele verschiedene Möglichkeiten sie wahrzunehmen.  Allein die letzte Woche hat mir zwei so wahnsinnig unterschiedliche gezeigt.

Der eine, der eigentlich erschreckend und unerwünscht ist, aber dem man trotzdem nicht böse sein kann. Während man noch in einem schummrigen Lokal die letzten Gespräche genießt, macht sich diese verflixte Sonne langsam aber sicher auf die Reise und hüllt den schwarzen Himmel da draußen mitsamt der darunterliegenden schwarzen Straßen nach und nach in ein dunkles blau, das immer weiter und weiter kriecht, um ein orange zu werden. Und spätestens dann, wenn man feststellt, dass das Bier und der Wein mittlerweile selbst den vertrauten Leuten um sich nicht mehr ganz so charmante Eigenschaften verleiht, ist es Zeit, dem Sonnenaufgang ins Auge zu blicken und die Heimreise anzutreten. Dieser grinst zwar ein wenig spöttisch und verleiht einem zumindest ein bisschen ein schlechtes Gewissen, den Blick möchte man jedoch trotzdem nicht von ihm abwenden. Darum genießt man die Farben und schmunzelt über die Erlebnisse der vergangenen Nacht.

Der komplett andere Sonnenaufgang wurde nur zwei Tage davor vom Zimmerfenster aus beobachtet, brachte aber gerade nach dieser Nacht eine wunderbare Ruhe und Zufriedenheit mit sich. Nach fünf Semestern wurde ich tatsächlich erst jetzt das erste Mal von einer Deadline dazu gezwungen, die ganze Nacht durchzuarbeiten. Sogar für eine Eule wie mich anstrengend, jedoch auch irgendwie schön. Vertieft in diverse Bücher und Texte merkt man gar nicht, wie sich der Himmel langsam verfärbt, bis man irgendwann hört, dass die Stadt schon wieder erwacht und sich die Ersten da draußen im Morgengrauen auf den Weg in die Arbeit machen. Nach stundenlangem Getippse wird dann endlich abgegeben und darauf erleichtert und glücklich zugeschaut, wie die ersten Sonnenstrahlen über dem Dach des Hauses gegenüber zu glitzern beginnen. Einige politikwissenschaftliche Fetzen kreisen noch durch die Gedanken, schweifen ab zu skurrilen Straßenbahnsituationen, die man heute erlebt hat bis sie zum Frühstück kommen, das eigentlich schon wieder angebracht wäre.. und sie ermahnen sich selbst das nächste Mal daran zu denken wieder selbstgemachte Marmelade aus der Heimat mitzunehmen. Und vielleicht Suppeneinlagen. Nur für den Fall, dass ich irgendwann wieder Lust auf Suppe haben sollte.

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