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Momentaufnahme #3

von am April 8, 2016

Ich sitze in einem Bus, der irgendwo zwischen Mürzzuschlag und Wiener Neustadt über die Semmeringer Schnellstraße brettert. Da in der Semmeringer Gegend Bauarbeiten an den Zugschienen durchgeführt werden, musste der gesamte Railjet bzw. seine Passagiere in Busse verfrachtet werden. Was mir zuerst furchtbar lästig erschien, hat im Endeffekt auf der Lästigkeitsskala von 1 bis 10 glücklicherweise nur läppische 3 Punkte abgeräumt. Bei den ÖBB arbeiten anscheinend doch ganz fähige Leute. Zumindest ab und zu.
Ich habe einen angenehmen Fensterplatz ergattert und schaue der vorbeiziehenden, sich zu einem grünbraungrauen Brei vermischenden Landschaft zu. Über ihr erstreckt sich eine blitzblaue Himmelsuppe, die alles zu umarmen scheint. Es ist nach 18 Uhr und der Himmel ist nach der Zeitumstellung am Wochenende immer noch wie direkt kopiert aus einem Werbesujet für Urlaub in Kroatien. Vor mir kuschelt ein Pärchen und unterhält sich leise kichernd auf Tschechisch (zumindest hat es sich für mich Tschechisch angehört). Sie zwirbelt eine haselnussbraune Lockensträhne um ihren Zeigefinger während er sie noch näher an sich drückt und ihr etwas ins Ohr flüstert. „Oh Baby deine braunen Löckchen sehen heute besonders bezaubernd aus!“ Oder so. Vielleicht auch „Oh Baby wer ist eigentlich für die hässlichen Sitzbezug-Designs in Bussen verantwortlich?“. Diese Muster auf den Bussitzen sehen immer so aus wie das, was ich früher im Paint produziert habe, bevor ich Spiele auf Disketten, Minesweeper und Chatrooms entdeckt habe.
Rechts neben mir findet das langweiligste Gespräch der Welt statt, das mich wieder einmal daran erinnert, warum mir belangloser Smalltalk oft so zuwider ist. Wo wohnst du denn jetzt in Wien? Im 9. In der Soundsostraße. Achso da. Ums Eck war ich mal bei einem guten Japaner.. mir fällt gerade der Name nicht ein. Aso mhm den kenne ich nicht, aber muss ich mal ausprobieren. Ja unbedingt. Ich schreibe gerade an meiner Diplomarbeit über arbeitslose Tauben am Hauptbahnhof. Mhm klingt spannend. Ich arbeite in einem Marktforschungsinstitut und versuche gerade in Gruppendiskussionen herauszufinden wie eine neue Kopfschmerzmittelkampagne so ankommt – aber pssst bitte nicht weitererzählen, ich darf dazu eigentlich noch nichts sagen. Nein nein natürlich nicht. (Dabei würde sie doch so gern – ihr gesamter Freundes- und Bekanntenkreis interessiert sich sehr dafür.) Ich stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren, schließe die Augen und lasse mich von den leicht wippenden Bewegungen des fahrenden Busses in einen dösigen Zustand schaukeln. Noch zwei Stunden bis zur innigen Umarmung meines Herzensmenschen. Ich kann es kaum erwarten.

„Ich bin ein Clown und sammle Momente.“

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Momentaufnahme #1

von am Mai 18, 2015

RiesenradVor ein bisschen mehr als zwei Wochen habe ich mir mit meinem lieben Besuch zum ersten Mal in sechs Jahren das Maifest im Prater angeschaut. Und ich kann nur sagen: Unglaublich, wie viele Leute jedes Jahr am 1. Mai in den Vergnügungspark (und zu den Wiesen und Grünflächen rundherum) pilgern. Ende Februar sah die Kulisse noch etwas anders aus. Eine konträre Momentaufnahme.

Die spröden Borsten fegen immer wieder langsam über den Asphalt und schleudern Kieselsteinchen und Zigarettenstummel einige Zentimeter weiter in die Richtung, wo schon ein kleines Häufchen voller Müllreste und Kiesel auf sie wartet. Nachdem der Besen noch ein paar Mal über den Straßenbelag gezogen wurde und die dreckigen Reste bei ihren Genossen angekommen sind, lässt der kehrende Mann den Holzstiel mit einer Hand los und kratzt sich seinen schwarzen Schnauzer. Die kleinen Wägen in dem Autodrom hinter ihm sind säuberlich in Zweierreihen angeordnet. Das Fahrgeschäft wirkt einsam, so ganz ohne blinkende Lichter, Musiklärm und Kinder, die euphorisch versuchen, sich mit den Miniatur-Elektroautos gegenseitig zu rammen. Ein paar Schritte weiter sitzt eine ältere Frau mit grauen Haaren auf einem grauen Klappsessel unter dem grauen Himmel und aus ihren blassen, runzligen Lippen steigen passende graue Rauchwölkchen in die Luft. Mit leicht mürrischem Blick beobachtet sie einen Kerl in einer glänzend blauen Regenjacke, der eifrig auf dem Gestänge einer dieser Attraktionen herumschraubt, die meistens „Tornado“, „Boomerang“ oder irgendwie ähnlich genannt werden und die ich mir lieber immer nur von unten anschaue. Riesige, bunte Dinosaurierköpfe mit gespitzten Zähnen schauen auf mich herunter. An so einem trüben, wolkenverhangenen Tag hat die ausgestorbene Atmosphäre in dem Vergnügungspark beinahe etwas Unheimliches. Bis auf die wenigen Personen, die ihre Fahrgeschäfte aus dem Winterschlaf holen und sie auf den baldigen Ansturm vorbereiten, ist niemand zu sehen. Die Sesselchen eines Kettenkarussells schaukeln leicht im Wind und eine leere Coladose rollt klirrend an mir vorbei. Meine Füße tragen mich stur weiter Richtung U-Bahn. Bei einer kleinen, dunklen Holzhütte, an der man bestimmt bald wieder kalte Getränke und heiße Langos erstehen kann, werden eifrig die Fenster geputzt. Vor der Hütte wird mindestens genauso eifrig an den Bierflaschen genippt. Die drei Männer auf der Klappbank unterhalten sich laut und wirken wie typische Prater-Urgesteine, die man in einer Reportage auf ATV erwarten würde. Eine kalte Brise weht mir vom Riesenradplatz entgegen. Ich ziehe mir meinen Schal hoch über meinen Mund und verstecke meine Hände in den Jackentaschen. Ich freue mich auf den Frühling. Auf den Sommer. Wenn hier Einsamkeit und Ruhe wieder Fremdwörter sind. Und ich mir meinen Weg durch die Menge bahnen muss.

  

„Ich bin ein Clown und sammle Momente.“

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