G-rant

G-rant: Mülltonnen voller Nicht-Müll

September 18, 2016

Meine bessere Hälfte und ich wohnen nur wenige Minuten zu Fuß voneinander entfernt und in dem Umkreis unserer Wohnungen befinden sich was Supermärkte angeht ein Interspar, ein Eurospar, zwei Billas und ein Hofer. Wenn man noch einmal ein paar Meter drauflegt, kommt man zusätzlich zu einem Denn’s und einem Gourmetspar – dazwischen und rundherum gibt es natürlich noch Bäckereien und kleine Gemüsemärkte und Greißler. Über fehlende Nahversorgung können wir uns also nicht beschweren.

Bis Ende des Jahres 2015 war einer der zwei Billa-Märkte noch ein Zielpunkt und stand nach dem Konkurs des Unternehmens viele Monate leer. Seit August haben wir nun diesen neuen Billa, der für uns so Schönes und so Grausames vereint. Von Wohnungstür zu Billatür brauchen wir jetzt weniger als eine Minute, was einfach grandios ist, wenn am Samstag mal das Frühstück fehlt oder am Heimweg noch schnell etwas besorgt werden muss. Den Zielpunkt habe ich nur ganz selten besucht. Er war ungemütlich, ziemlich hässlich und die Qualität ließ oft auch zu wünschen übrig. In das Geschäftslokal wurde in der Zwischenzeit eine Menge Arbeit gesteckt, was das Einkaufen im neuen Markt um einiges angenehmer macht. Er ist allerdings nicht nur schöner, sondern bietet auch Dinge an, die Zielpunkt-Kunden nie gesehen hatten. Die Regale sind voll mit Zeug, das keiner braucht und keiner kauft. Es gibt beispielsweise eine große Theke voll mit diesen ganzen Fertigsandwiches und Fertigweckerln und Fertigsalaten und Fertigdressings und Fertigjoghurtmüslis und FertigalleswasmaneventuellwährenddesArbeitstagesverspeisenwürde. Und ich frage mich verdammt nochmal: WOZU?? Wir wohnen in einem Grätzl, in dem sich nicht gerade ein Bürokomplex an den nächsten reiht oder sich viele Studenten die Zeit vertreiben. Zur Erinnerung: nur wenige Schritte nach rechts und man steht vorm Eurospar, nur wenige Schritte nach unten und man steht vorm Interspar, nur wenige Schritte hinauf und man steht vor einem anderen Billa und in der vierten Richtung kommen Hofer, Gourmetspar und Denn’s. Das bedeutet, dass bei diesem neuen Billa nur wenige Häuserblocks ihre Einkäufe erledigen – und davon werden es viele so halten wie wir und nur die schnellen, wichtigen Sachen beim Billa kaufen und den Rest vielleicht doch bei günstigeren Supermärkten.

Worauf ich hinaus will: Ich entsorge meinen Müll im gleichen Müllraum wie dieser neue Billa. Und obwohl mir sehrwohl aus verschiedensten Beiträgen, Artikeln und Erzählungen bewusst war, wie viel jeden Tag in unserer Stadt so weggeschmissen wird, ist es dann doch ein Schock, den Inbegriff der Überfluss- und Wegwerfgesellschaft mehrmals die Woche so vor Augen geführt zu bekommen. Schon beim ersten Betreten des neuen Supermarktes war mir klar, dass das ganze Zeug nie jemand kaufen und konsumieren kann – nur wenige Zeit später bekam ich im Müllraum die Bestätigung dafür. Jedes Betreten des Raums bringt ein beklemmendes Gefühl mit sich. Es türmen sich Brot und Joghurts, Gemüse und Obst, Fertiggerichte und mehr. Alles davon genießbar, aber wohl nicht mehr verkaufbar. Das macht mich irrsinnig traurig und gleichzeitig so wütend. Auf das System. Auf die Konzerne. Auf unsere Gesellschaft. Auf mich selbst?

Glücklicherweise habe ich festgestellt, dass die Dumpster-Szene in Wien auch schon auf den Raum aufmerksam geworden ist und die Mülltonnen oft ausräumt. Oft genug jedoch auch nicht. Ich besitze leider weder ein Auto noch ein extrem ausgeprägtes Weltrettergen und die Zeit um diese vielen Lebensmittel ständig zu bergen und an Verteilplätze zu bringen. Darum sollte an dieser Stelle ein kleiner Aufruf stehen. Dass Wienerinnen und Wiener, die gerne Lebensmittel retten möchten, aber vielleicht nicht die Plätze/Leute dafür kennen bzw. keinen Schlüssel für die Müllräume besitzen, mich gerne kontaktieren können. Dass ich Interessierten Informationen zukommen lasse und auch gerne den Müllraum öffne, damit die Lebensmittel ein neues zu Hause finden. Leider bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass es Probleme mit der Hausverwaltung geben und Konsequenzen für mich haben könnte, wenn ich regelmäßig fremden Personen den Zutritt zu unserem Müllraum gewähre und es eventuell sogar ein Grund für eine Mietvertragskündigung sein könnte. Aus diesem Grund muss ich mich hier noch schlauer machen und vorerst auf mein Angebot verzichten, allerdings gebe ich dennoch gerne Informationen an LebensmittelretterInnen (mit Müllraumschlüssel!) weiter, wo denn dieser Raum zu finden ist. Hinterlasst mir einfach einen Kommentar mit eurer Mailadresse oder schreibt mir auf dielyra (a) gmx.at!

In Wien wird täglich jene Menge an Brot als Retourware vernichtet, mit der die zweitgrößte Stadt Österreichs, das ist Graz, versorgt werden kann.
Dieser Satz bestürzt seit dem Jahr 2005 tausende Kinobesucherinnen und -besucher des österreichischen Films „We feed the World“ von Erwin Wagenhofer.
Im Kinofilm „Taste the waste“ vom Filmemacher Valentin Thurn wird berichtet: „Die Lebensmittel, die wir in Europa und Nord-Amerika wegwerfen, würden ausreichen, um die Hungernden der Welt dreimal zu ernähren.“ (Quelle: www.wien.gv.at)

  1. Ja, hoffentlich nehmen sich die Dumpsters der Sache an. Es ist so absurd noch einen Supermarkt aufzumachen, wo es ohnehin schon ein halbes Dutzend gibt und dann obendrein Berge von Lebensmitteln wegzuwefen weil sich – logischerweise-nicht genügend Kunden dafür finden

  2. ich finde es ehrlich gesagt auch ganz fürchterlich, dass es noch kein besseres system gibt, um diese essbaren aber nicht verkaufbaren lebensmittel sinnvoll zu verwenden. toll, dass du das machst, ich hoffe, du findest einen weg, ohne dass dir dabei ein schaden entsteht. hübsch hier übrigens 🙂

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